Mammutprojekt : Am Start

Nicht weniger als das gesamte Werk für Clavierinstrumente wird Christian Rieger – ehemaliger Cembalist von Musica Antiqua Köln und Professor für Historische Tasteninstrumente in Essen – in 27 Konzerten im Berliner Radialsystem präsentieren.

Carsten Niemann

„Der ganze Bach“, ein Mammutprojekt. Und doch ist die Atmosphäre in den ersten beiden Konzerten intim: das leuchtend bemalte Cembalo, die dekorativen Architekturdetails des Industriebaus im Dämmerlicht, das konzentrierte Schwarz-Weiß des Innendesigns schaffen ein traumhaftes Ambiente. Rieger gibt letzte Tipps, von welcher Position man das Instrument am besten hört – und dann lauscht das Publikum konzentriert den ersten drei Partiten der „Clavierübung“.

Der Raum als idealer Partner: Jeder Silberton wird von der hohen Decke und den gekachelten Wänden mit einer kleinen Aureole dezenten Halls umgeben – im Einklang mit dem introvertierten und zugleich repräsentativen Charakter der Musik. Rieger bietet keine spektakulären Neudeutungen: Seine Tempi sind angemessen, seine Phrasierungen klar, seine Verzierungen dienen der eleganten Strukturierung. Etwas mehr agogische Freiheit gönnt er sich in den angenehm atmenden Allemanden, während er in den Präludien das quasi-improvisatorische Element ein wenig vernachlässigt. Ein wichtiges Argument für sein Projekt liefert Rieger mit unbekannteren Werken als Zugaben: mit der Bearbeitung eines Satzes aus einer Triosonate des von Bach verehrten Hamburger Altmeisters Johann Adam Reincken sowie einem in enger Lage geschriebenen Praeludium für Lautenklavier: Werke, die die spezifische Klanglichkeit des Cembalos hervorkehren. Wie sich Bachs eigentümliche Musiksprache aus den Idiomen seiner Zeit entwickelte, das führt Rieger in der kurzen Gegenüberstellung beeindruckend vor. 

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