Kultur : Man beiße sich am Granit die Zähne aus

Jürgen Tietz

Mit der Architektur ist es wie mit dem Essen: alles Geschmackssache. Der eine bevorzugt ein französisches Baguette, der andere ein Stück holländischen Käse, und der dritte braucht zu seinem Glück einen Kaiserschmarren. Doch aus den drei Komponenten eine schmackhafte Mahlzeit zu zaubern, das ist nicht ganz einfach. Denn während sich Käse und Baguette noch gut miteinander vertragen mögen, ist das mit dem Kaiserschmarren so eine Sache. Um den Geschmacksunterschieden ihre Schärfe zu nehmen, kann es helfen, das ganze Menu in einem einheitlichen Rahmen zu servieren. Liegt das Mahl erst einmal auf einem, sagen wir: grau-blauen Steinteller vor uns - wer würde da noch nach den unterschiedlichen nationalen Wurzeln der Zutaten fragen?

Ein feines Relief auf dem Baukörper

Ganz ähnlich präsentiert sich das Quartier 30 zwischen Markgrafen-, Mohren- und Kronenstraße, mit dem jetzt der letzte fehlende Baustein am Gendarmenmarkt vollendet wurde. Drei renommierte europäische Architekten, deren Handschriften kaum unterschiedlicher sein könnten, mussten sich hier an einem Objekt zusammenraufen: der Niederländer Jo Coenen, der Österreicher Heinz Tesar und der Franzose Claude Vasconi. Alle drei gelten nicht eben als glühende Verfechter der steinernen Stadt. Doch im Quartier 30 durften sie sich nun an diesem Werkstoff abarbeiten. Und damit in der Kraft der eigenen Entwurfshandschrift nicht die Erinnerung an das gemeinsame Quartier verloren geht, einigte man sich auf einen grau-blauen Granit, der für alle Fassaden Verwendung fand.

So ist nach Max Dudlers nahem Bewag-Haus vom Anfang der neunziger Jahre ein weiterer dunkler Block am Gendarmenmarkt entstanden. Wenn es denn schon Naturstein sein musste, dann erweist sich die Farbwahl nicht zum Nachteil des ansonsten vorwiegend sandsteingelben Platzes. Drei Architekten, drei Häuser: Nach diesem Motto teilte man das Quartier in drei hintereinander gestaffelte Häuserscheiben auf.

Dabei konnte sich Claude Vasconi (mit Helga Falkenberg) das Filetstück an der Markgrafenstraße sichern. Mit breiter Brust präsentiert sich sein Bürohaus gegenüber dem Plattenbau des Hilton. Lang gestreckte Brüstungs- und Fensterbänder sowie horizontale Lamellen in den Staffelgeschossen spielen mit einer dynamischen Wirkung. Als großzügig erweist sich die gläserne Empfangshalle an der Ecke zum Gendarmenmarkt, und die Hoffassade präsentiert sich ebenfalls gläsern. Doch das Gesamtergebnis ist ebenso routiniert wie eintönig.

Das schwierige Sandwich-Grundstück zwischen den Bauteilen von Vasconi und Tesar fiel an Jo Coenen (mit Lika Valentin). Er errichtete zwei Häuser, eines zur Mohren-, das andere zur Markgrafenstraße, in denen die geforderten zwanzig Prozent Wohnanteil Platz fanden. Zwischen beiden Gebäuden breitet sich ein offener - und hoffentlich auch künftig öffentlicher - Hof aus, den der niederländische "Rijksbaumeister" ebenfalls gestalten durfte.

Auch bei den Bauteilen Coenens dominieren die Horizontalen. Die dynamisch abgerundeten Balkone oder die Laubengänge des Boarding-Hauses an der Kronenstraße machen allerdings keinen Hehl daraus, dass man sich in Berlin befindet, der Stadt auch eines Erich Mendelsohn und Hans Scharoun. Doch der Entwurf erschöpft sich nicht im freundlichen Zitat. Die eleganten schmalen Sichtbetonstützen etwa, die an hoch geklappte Bügelbretter erinnern, schaffen einen sympathischen Kontrast zur dunklen Fassadenverkleidung. Und die drei stahlgerahmten Wohnboxen, die die beiden Bauteile Coenens bekrönen, lassen Berlin am unorthodoxen niederländischen Bauflair teilhaben. Besonders gelungen ist die terrassierte Hoflandschaft mit ihrem künstlichen Wasserlauf. Der Platz ist ein Gewinn an Raumqualität und damit einer der wenigen bemerkenswerten Stadtplätze, die im "neuen" Berlin entstanden sind. Bleibt zu hoffen, dass sich für das geplante Café im Hof tatsächlich ein Mieter findet und sich die Hoftore nicht bald klammheimlich schließen.

Den Abschluss des Quartiers bildet der Bauteil von Heinz Tesar. Er hat eine der bisher subtilsten Auseinandersetzungen mit dem Fassadenmaterial Naturstein in Berlin gefunden. An Stelle einer glatten Fassadenhaut hat der Wiener, der derzeit auch mit Herrichtung und Umbau des Bode-Museums auf der Museumsinsel befasst ist, durch unterschiedliche Plattenstärken ein feines Relief auf den Baukörper gelegt.

Lichtschöpfungen eines Raum-Magiers

So gerät sein Bauteil gleichsam in Bewegung, er schwillt zwischen den Geschossen an und zieht sich wieder zusammen. Was andere Architekten mit aufwändigen Konstruktionen bewirken, das erreicht Tesar mit einem vergleichsweise minimalistischen Materialeinsatz. Und auch aus der undankbaren Lage seines Bauteils zum benachbarten Justizministerium schöpft Tesar noch Gewinn. Eine sechs Meter breite Sicherheitszone zwischen beiden Häusern darf nicht für Büros genutzt werden. Hier hat Tesar eine rund zwanzig Meter lange Halle zwischengeschaltet. Auf der einen Seite von der Brandwand des Ministeriums begrenzt, öffnet sie sich auf der anderen zu den Galerien vor den Büros. Lang gestreckte Betonbänke betonen die Tiefe der Halle zusätzlich. Tesar weiß seine Bauten wie Skulpturen zu behandeln. Er ist ein versierter Raum-Magier, dem das Spielerische nahe liegt. So wundert man sich nicht, dass am oberen Ende der Brandwand statt eines glatten Abschlusses oder einer einfachen Kehle eine barocke Welle auf das Tonnendach überleitet. Dessen runde Okuli, ähnlich der Dachlösung bei Tesars evangelischer Kirche in Klosterneuburg, sorgen zudem für eine überraschende Lichtschöpfung in der Halle.

So weiß sich das Quartier 30 von Bauteil zu Bauteil zu steigern - und auch darin entspricht es ganz den kulinarischen Standards eines gelungenen Menüs.

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