Kultur : Man ist frei

DOROTHEA TÖRNE

Tadeusz Rózewicz, Dramatiker und LyrikerVON DOROTHEA VON TÖRNEMit der Würde eines großen alten Mannes, dessen Theaterstücke noch vor einem Jahrzehnt die Nationaltheater füllten, geht er durch Berlin, unterwegs zu einem kleinen Szene-Theater.Das Kulturforum Kreuzberg spielt seine szenische Folge "Der unterbrochene Akt".Der 76jährige verläßt seine Heimatstadt Breslau nur ungern, diesmal aber doch, denn er mag die kleinen Bühnen, die Studententheater, auch die in Mexiko und Amerika, die heute seine Stücke spielen: "Die Leute können dort entspannter sein, freier.Theater ist ja nicht nur Tragödie und Komödie, es ist auch Spiel, Posse".Dario Fo zum Beispiel sei "ein bedeutender Dramaturg" - kein Wort darüber, daß das ehrwürdige Greisenkomitee in Stockholm ihn, Rózewicz, offensichtlich vergessen hat.Eine Legende zu Lebzeiten: der polnische Schriftsteller Tadeusz Rózewicz, der einst mit seinem "Theater der Inkonsequenz" die Dramenkunst erneuerte und den Plattheiten des sozialistischen Realismus ethische Werte entgegenhielt.Der 1921 in Radomsko geborene Dramatiker, Lyriker, Essayist und Verfasser von Filmszenarien war in den Ländern des Ostblocks eine moralische Institution.Er stellte in seinen Werken die Fragen, die offiziell nicht diskutiert wurden - und brachte nicht zuletzt den eingegrenzten Ostdeutschen die Welt auf die Bühne.Den Machthabern galt er als subversives Element, das in Dramen und Gedichten darüber nachzudenken wagte, was den Menschen - außer dem Materiellen - fehlte."Nach der Epoche der Gasöfen und Massengräber sollte der Mensch das kostbarste Gut auf Erden sein", erinnerte er 1990 in einer Rede an der Universität Warwick."Die Generation der Soldaten und Partisanen des Zweiten Weltkrieges tritt ab, betrogen und enttäuscht.Ich bin ein Dichter, so sagt man, doch ich bin vor allem der Dichter meiner Generation.Eine Generation, betrogen von Regierungen, Parteien, von Ideologien, von Glaubensrichtungen und durch sich selbst." Doch Rózewicz, klein, grauhaarig, ist alles andere als ein verbitterter Mann.Er sprüht vor Witz, ein agiler Mensch, der mit feiner Ironie über die klassischen Gewitter des Ernst Jünger und über dessen musterhaftes Soldatentum und ritterliche Haltung spöttelt: eisern durchhalten bis 103! Er, Rózewicz, liebe mehr die kleinen Leute, nicht die Ritter, sondern die Deserteure.Vor 40 Jahren begann er mit Theaterstüêken ohne Helden, ohne Aktion, ohne Anfang und Ende.Damals sei das Destruktion gewesen, heute sei es Mode, betont er mit leisem Bedauern.Dann schwärmt er von Rolf Winkelgrund, der seine Stücke inszenierte.Wie sie - aus der Provinz kommend, aus Rudolstadt, Nordhausen, Weimar, Halle und Potsdam - Berlin eroberten! In den achtziger Jahren hatte kein Dramatiker mehr Stücke auf der Bühne als Rózewicz.Seine 20 Dramen wurden in mehr als 25 Sprachen übersetzt, darunter Chinesisch und Japanisch.Die Anekdoten aus jener Zeit erheitern ihn nach wie vor: Ja, die chinesische Übersetzerin, die während der Kulturrevolution zur Landarbeit verdonnert war und heimlich im Schweinestall übersetzte ..."Aber die Glorie von damals ist vorbei", sagt er lachend, ganz Rózewicz: Lachen und Weinen zugleich, Kälte und Hitze und Bitteres in einem."Ich kann das überdauern, die Niederlage und die Erfolge.Man ist frei." Jetzt könne er jedenfalls allen Zuschauern in die Augen guêken, anders als in den großen Sälen.An der zwischenmenschlichen Begegnung liegt ihm mehr als am Theoretisieren.Das Existentielle, auch die Nähe zum Tod, bewegt ihn mehr als der verblassende Ruhm."Und wenn ich nichts schreibe, bin ich kein Dichter, kein Dramatiker, kein Satiriker, sondern ich bin Rózewicz und lese die Zeitung: Tagesspiegel, Spiegel, aber auch die Bildzeitung, einfach alles." Schon während der deutschen Okkupation, als Widerständler im Untergrund, habe er deutsche Zeitungen gelesen und Überblicksartikel geschrieben.Zeitungsmeldungen benutzt er noch heute als Material für seine Gedichte.Doch leider falle ihm das Lesen wegen einer Augenkrankheit zunehmend schwerer, auch das Zeichnen.Dafür ist er befreundet mit den besten polnischen Malern, die ihm ihre Gemälde leihen.Fast ohne Bilder und Metaphern kommt er in seinen jüngsten Versen aus: in großer Gelassenheit blicken sie auf das vergängliche Leben.Den gegenwärtigen Zustand der Dramatik in Polen sieht er kritisch als ein chaotisches Nebelwallen, das sich mit Vorliebe am Mystischen orientiere.Dennoch ist er optimistisch: "Aus dem Chaos entsteht manchmal Neues".Sagt Rózewicz, der "bekannte unbekannte Dramatiker". "Actus Interruptus" ist noch bis 5.April im Theaterforum Kreuzberg zu sehen.

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