Kultur : Man kann auch auf der Stelle rucken

HARALD MARTENSTEIN

Am 26. April 1997 ging ein Ruck durch das Berliner Hotel Adlon. Der Bundespräsident, der von heute an keiner mehr ist, hielt seine berühmteste Rede. Roman Herzog forderte ein neues Deutschland mit neuen Deutschen. Es gab damals kaum Widerspruch, das war verdächtig.

Vor der Bundestagswahl, im Juli 1998, verteilte die SPD ihr Wahlprogramm, Titel: "Wir sind bereit." Herausgeber: der Parteivorstand. Verfasser: die Berater des Kanzlerkandidaten. Wer beide Papiere, die Ruck-Rede des Präsidenten und das Bereit-Programm des heutigen Kanzlers, nebeneinanderlegt und vergleicht, staunt. Könnte es sein, daß Roman Herzogs Nachfolger, in geistiger Hinsicht jedenfalls, nicht Johannes Rau, sondern Gerhard Schröder heißt?

Roman Herzog: "Allzuoft wird versucht, dem Zwang zu Veränderungen auszuweichen, indem man einfach nach dem Staat ruft; dieser Ruf ist fast schon zum allgemeinen Reflex geworden." SPD: "Es gibt in unserem Land unendlich viel Sachverstand, der darauf wartet, genutzt zu werden. Wir sollten mitunter der Gesellschaft mehr vertrauen als dem Staat."

Herzog: "Eine von Ängsten erfüllte Gesellschaft wird unfähig zu Reformen und damit zur Gestaltung der Zukunft." SPD: "Wer auch morgen sicher leben will, darf keine Angst vor Veränderungen haben."

Herzog: "Innovationsfähigkeit fängt im Kopf an, bei unserer Einstellung zu neuen Techniken, zu neuen Arbeits- und Ausbildungsformen, bei unserer Haltung zu Veränderung schlechthin . . . Die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über unser Schicksal." SPD: "Wir befinden uns mitten in einer Flut technologischer Neuerungen. Wenn wir nur zugucken und abwarten, wird uns eine Welle nach der anderen überrollen . . . Wir müssen die geistige Blockade, die unsere Phantasie und unsere Kreativität lähmt, endlich abschütteln."

Herzog: "Die Welt ist im Aufbruch, sie wartet nicht auf Deutschland." SPD: "Die Welt ist international, und zwar überall."

Trotz der auffälligen Übereinstimmungen hat Roman Herzog natürlich keine SPD-Rede gehalten. Aus dem Präsidenten und aus dem Parteipapier sprachen der Zeitgeist, den der alte Kanzler Kohl nicht mehr verkörperte. Die Rhetorik der Rede wirkte unwiderstehlich, weil sie sich auf unwiderstehliche, höhere Kräfte berief - die Globalisierung, die Weltwirtschaft, die allgemeinen Erfordernisse der modernen Zeit. Gegen das Jahrhundert und gegen den Globus, so ihr Tenor, ist der Einzelne machtlos, sogar das einzelne Land.

Die Grundfrage der Ruck-Rede hieß nicht: Was wollen wir? Sie lautete: Was müssen wir? Nicht: Wie soll unsere Zukunft aussehen? Sondern: Wie sollten wir handeln, um den Anforderungen dieser Zukunft gewachsen zu sein? Wenn heute darüber nachgedacht wird, warum die Schröder-Politik den Primat des Politischen aufzugeben scheint, warum diese Politik keine Begründung ihres Handelns jenseits des täglichen Pragmatismus zu finden scheint, dann lohnt sich die erneute Lektüre der Ruck-Rede. Aus Herzogs "Wir müssen jetzt an die Arbeit gehen" wurde Schröders "Wir sind bereit!".

Die Revisionisten in der SPD gaben einst die Parole aus: Das politische Ziel ist nichts, die Bewegung dorthin ist alles. Bei Schröder heißt es: Das politische Ziel ist unbekannt, Bereitsein ist alles. Es regiert die Ruck-Partei mit dem Ruck-Kanzler. Seit Schröder wissen wir allerdings: Man kann auch auf der Stelle rucken. Das heißt dann politischer Techno.

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