Kultur : Man kann vieles verlieren - sogar sein Gesicht

ELFI KREIS

Dem Porträt widmet die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in den Räumen des Kunstamtes Kreuzberg den umfangreicheren Teil ihrer Doppelausstellung "Gesichter und Dinge".In der NGBK-Galerie folgt die Gegenüberstellung mit Stilleben.Die Auswahl umfaßt Arbeiten von insgesamt dreiundzwanzig internationalen Fotografen, meist Bildserien.Vor allem will sie die Vielfalt des Möglichkeitsspektrums beider Themenbereiche vorführen - zweier Sujets, die aus Sicht der Veranstalter in jüngster Zeit für die aktuelle Fotokunst als zentrale Arbeitsgebiete besondere Bedeutung gewonnen haben.Im Mittelpunkt steht dabei stets, direkt oder indirekt, der Mensch.

"Unter der Fotografie eines Menschen ist seine Geschichte wie unter einer Schneedecke vergraben", schrieb Siegfried Kracauer.Einen Zipfel dieser Decke zu lüften, das Dunkel für einen flüchtigen Augenblick zu erhellen, zählte einst zu den Hauptanliegen der Porträtfotografie.Wie die bildliche Entsprechung dazu wirkt Gerhard Kassners Schwarzweißserie "2000 Gesichter und Hände".Der Berliner fotografiert Menschen aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten, Prominente neben Unbekannten.Seine Doppelbilder kombinieren jeweils die Nahaufnahme des Gesichts und eine der Hände, die das Gesicht verdecken.Zum einen liefern die Hände zusätzlich Informationen zur Person, zum anderen wird die Geste zum Symbol für die Frage: was vermag uns das Bild eines Gesichts wirklich über die Persönlichkeit zu sagen, die sich dahinter verbirgt? Thomas Michalak benutzt für Fotos seiner verstorbenen Freunde ein Bleichätzverfahren.Die Physignomien sind auf dem Transparentfilm kaum erkennbar.Analog zur verblassenden Erinnerung zeichnen sie nur noch schemenhafte Schattenrisse von Gesichtern auf die Wand.Ein anderer Aspekt, der zahlreiche Teilnehmer beschäftigt, ist das Verhältnis von Mensch und Masse: die Frage ob und wie sich der Einzelne in unserer anonymen Massengesellschaft als Individuum zu behaupten vermag.Zudem interessiert die Manipulierbarkeit der Bilder.In vielen Arbeiten spiegelt sich Skepsis gegenüber dem eigenen Medium.Für die Fotografen ist der vermeinliche Wahrheitsgehalt von Fotografien heute zutiefst fragwürdig.Die Erkenntnis, das Bilder nicht nur stets subjektiv, sondern inhaltlich wie technisch für jede wahre wie vorgetäuschte Aussage als Beleg dienen können, wird sowohl Thema wie Konzeptgrundlage.Zu den interessantesten Projekten der Schau gehören die computergenerierten Porträtfolgen von Friderike Van Lawick und Hans Müller.Ihre Ausgangsbeobachtung, das sich eng zusammenarbeitende Künstlerpaare mit den Jahren oft auch im Äußeren ähneln, setzen sie ästhetisch reizvoll und höchst verblüffend um.Aufnahmen von Wachsfigürchen bei den Amerikanern Allan McCollum und Laurie Simmons, von Madonnen- und Puppengesichtern bei der Niederländerin Annet van der Voort leiten über zum zweiten Teil.

Man kann vieles verlieren, sogar sein Gesicht.Was aber, wenn das Gebiß abhanden kommt? Das in England lebende Künstlerduo Marysia Lewandowska und Neil Cummings lichtete einen Tag lang alle Gegenstände einzeln ab, die sich in einem zentralen Fundbüro Londons sammelten.Erstaunlich, was Leute von besagtem Gebiß bis zur Schlange alles stehen- und liegenlassen.Die Serie "Pocket Fiction" von David Moore ist ein nicht minder überraschendes Ratespiel nach dem Motto: "Sag mir, was du in der Hand- oder Hosentasche hast, und ich sage Dir, wer Du bist." Gesichter zeigt er nicht, die Hände aber fördern Unvorhergesehenes zutage.Die faltigen Finger einer alten Frau strecken dem Betrachter eine Pistolenpatrone entgegen, ein Mann inmitten der Großstadt bietet eine Handvoll Weizenkörner an.Ob Olivier Richons psychologisch aufgeladene, pathetische Stilleben von Meeresgetier und überreifem Obst - oder Arrangements banaler Haushaltsgegenstände bei Christopher Müller: so nichtssagend, wie sie oft scheinen, sind sie nicht, lautet die Botschaft der Fotografien.

NGBK-Galerie, Oranienstr.25 und Kunstamt Kreuzberg, Mariannenplatz 2, bis 21.Juni.Katalog 30 DM.

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