Kultur : "Man lebt wieder auf, man wird geachtet ..."

Stefan Berkholz

Zuflucht Türkei 1933 bis 1945 - Juden und Staatenlose waren bald unerwünscht. Zu sehen in der Berliner Akademie der KünsteStefan Berkholz

Auch die Türkei war einmal ein Zufluchtsland für Deutsche in den Jahren 1933 bis 1945, ein sehr gastliches zudem, glaubt man den Erinnerungen von Zeitzeugen. Verklärt eine solche Beschreibung die Tatsachen? Im "Philo-Atlas", dem Handbuch für die jüdische Auswanderung, 1938 in Berlin veröffentlicht, klangen die amtlichen Bedingungen für das Betreten des Zufluchtslandes nicht gerade günstig, eher abweisend und düster. "Visum erforderlich": Das verstand sich von selbst, aber dann hieß es weiter: "Konsulat sind Zweck, Ort und Dauer des Aufenthalts darzulegen ... Arbeitnehmer haben dem Konsul einen durch das türkische Arbeitsamt beglaubigten Arbeitsvertrag vorzuweisen. Bei Aufenthalt von mehr als 15 Tagen muß Aufenthaltsgenehmigung eingeholt werden. Durch Berufssperregesetz ist Ausübung einer großen Zahl von Berufen für Ausländer verboten. Wenig Möglichkeiten." Die Türkei war kein Einwanderungsland - "von Einzelfällen abgesehen", urteilte das "Handbuch der deutschsprachigen Emigration" von 1998.

Diesem weitgehend unbekannten Kapitel der Exilgeschichte ist das Aktive Museum nachgegangen. Dokumente wurden zusammengetragen, Überlebende befragt, eine Chronik festgehalten, insgesamt mehr als tausend Namen ausfindig gemacht. Entstanden ist eine Ausstellung, die nun - nach drei Stationen in der Türkei - im Foyer der Akademie der Künste zu sehen ist. Heute ab 17 Uhr wird sie mit Musik und Vorträgen eröffnet.

Es ist eine Ausstellung vor allem auf Schautafeln. Zehn Stellwände zum geschichtlichen Hintergrund, 24 Tafeln mit den Lebensstationen prominenter und unbekannter Flüchtlinge. Jeweils zweisprachig und jeweils mit einer eingearbeiteten Devotionalie in Plexiglas: die Baskenmütze von Ernst Reuter zum Beispiel; der Geigenbogen von Paul Hindemith; das Frühzeitmikro vom Rundfunkpionier Alfred Braun; der Füllfederhalter von George Tabori.

Es war ein Exodus. Die Türkei stand vor allem Privilegierten offen, solchen, die es sich leisten konnten und - dies das wichtigste - die qualifiziert waren. Hochschullehrer, Wissenschaftler, Techniker, Künstler, Politiker wurden mit Kusshand genommen, waren willkommen als Gutachter und Ratgeber, Reformer und Führungspersönlichkeiten. Der Stadtplaner Martin Wagner fühlte sich befreit und jubelte vier Wochen nach seiner Ankunft in Istanbul, im Mai 1935: "Man lebt wieder auf. Man hat Arbeit. Man findet Anerkennung. Man wird geachtet." Die türkische Regierung wusste, was sie tat, suchte sich gewünschte Spezialisten zielstrebig aus. Ihr Ziel war der Anschluss des Landes an die westliche Modernisierung. Etwa zweihundert Wissenschaftler gelangten auf diese Weise in die Türkei. Die Universität in Istanbul beispielsweise, 1933 erst gegründet, wurde zur weltweit größten Emigranten-Universität. Bis in die vierziger Jahre war die Hälfte der Lehrstühle mit Emigranten besetzt. Umzugskosten wurden übernommen, ein Arbeitsvertrag, für fünf Jahre zunächst, geboten: das waren für die Vertriebenen, die eine Berufung erhielten, gesicherte Bedingungen. Dafür wurde ein rascher Spracherwerb verlangt, Bücher und Vorträge sollten möglichst schnell in Türkisch verfasst werden. Die Flüchtlinge waren froh, ein Gastland gefunden zu haben, eine neue Existenz. Der Historiker Ernst Engelberg arbeitete als Lektor für Deutsch. Der Bildhauer Rudolf Belling lehrte als Professor an der Kunstakademie in Istanbul. Carl Ebert, Intendant der Städtischen Oper Berlin bis 1933, baute in Ankara eine Theaterschule auf.

Und die dunklen Kapitel? Seit 1938 wurde von "Reichsdeutschen" ein "Ariernachweis" verlangt - Juden waren also unerwünscht, ein Jahr später hatten auch die Staatenlosen keinen Zutritt mehr. Das waren Zugeständnisse an Hitler. Die guten Handelsbeziehungen zu Nazideutschland sollten nicht gefährdet werden. Als die fünfjährigen Arbeitsverträge ausliefen, gab es Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung. Die Bürokratie schlug über die Stränge, das Leben verteuerte sich, die Unsicherheit nahm zu, Ausweisung drohte. Seit 1944 gab es dann auch in Anatolien Internierungslager; am Ende waren die meisten froh, davon gekommen zu sein. Vom "Wartesaal Erster Klasse" hatte Martin Wagner noch im Mai 1936 in einem Brief an Walter Gropius geschrieben. Das läßt sich auch mehrdeutig lesen. Kurz darauf war seine anfängliche Euphorie verflogen. Im August 1938 siedelte er über in die USA.Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 20. Februar. Mo 13 - 19, Di bis So 10 - 19 Uhr. Katalog 38 DM.

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