Kultur : Man möchte nach Punsch rufen!

ARNULF BARING

Vor 50 Jahren wurde die Gruppe 47 gegründet - von Hans Werner Richter.Er war nicht nur ihr Kopf, er war das Herz dieser berühmtesten Versammlung der deutschen Nachkriegsliteratur.VON ARNULF BARINGEnde September 1947 erschien in der Zeitschrift "Epoche", und nur dort, ein kurzer Aufsatz.In ihm hieß es, Anfang September hätten sich auf einem "schöngelegenen Fischgut" in Bannwaldsee bei Füssen im Allgäu "etwa fünfzehn Autoren der jungen Generation" getroffen.Sie seien zwei "Tage und Nächte" zu "Gesprächen und Lesungen" beisammen gewesen, hätten aber auch Zeit gefunden, "Landschaft und Gastfreundschaft aufs intensivste zu genießen". Der Tagungsort war in Wirklichkeit ein kleines Haus am See, auf den die Eigentümerin, die surrealistische Gedichte verfaßte und vortrug, zum Angeln hinausfuhr.Denn ohne die gefangenen Fische hätte sie ihre Gäste, die sich ihrerseits zur Abkühlung in den See stürzten, in jenen Zeiten gar nicht ernähren können. Bestimmend für die ganze Atmosphäre des Treffens war sein Initiator."Hans Werner Richter leitete geschickt und lebendig die Gespräche und gab ihnen eine großzügige Lockerheit und Freudigkeit".So blieb es zwanzig Jahre.Alfred Andersch und Richter waren kurz zuvor aus der Redaktion einer damals wichtigen Zeitschrift, die "Der Ruf" hieß, verdrängt worden, und sie hatten nicht die Mittel, sahen auch nicht die Möglichkeit einer neuen Lizenz der amerikanischen Militärregierung, um ein anderes Blatt ins Leben zu rufen.Daher entschloß sich Richter, die Autoren der Zeitschrift, junge Schriftsteller der Kriegsgeneration, fortan zu Tagungen zusammenkommen zu lassen, bei denen sie sich gegenseitig unter Richters Leitung ihre Texte vorlasen, sie anschließend freimütig untereinander kritisierten.So entstand nach und nach die Gruppe 47. Als sie längst zum Mythos geworden war, schrieb Reinhard Lettau 1967, im letzten Jahr der Gruppe, in einer Anthologie der vergangenen zwei Jahrzehnte, er könne sich die glückliche Entwicklung der deutschen Literatur nach dem Kriege ohne die Arbeit Richters, ohne "dessen Großzügigkeit, Initiative, Belehrung und Freundschaft" gar nicht vorstellen.Wieder anderthalb Jahrzehnte später, zu Richters 75.Geburtstag, meinte Rudolf Walter Leonhardt in der "Zeit", wer in Interviews mit Richter nachblättere - und keiner wurde zwischen 1958 und 1967 mehr interviewt" -, der finde kaum jemals eine Frage zu Richters eigenem Leben und Werk, stattdessen nur Fragen nach der Entstehung, dem Wesen, dem Ende der Gruppe 47.Die Geduld, fuhr Leonhardt fort, mit der Richter diese immer gleichen Fragen immer wieder beantwortet habe, verdiene Bewunderung. Der Mann verdient überhaupt Bewunderung.Es wird ihm nicht immer leicht gefallen sein, so stark hinter der Gruppe zurückzustehen, obwohl er sich das nie anmerken ließ.Wahrscheinlich wußte er, daß die anderen eher geringschätzig über seine Bücher sprachen.Andererseits setzte seine einzigartige Rolle in der Gruppe gerade voraus, daß die anderen ihn nicht beneideten, deshalb auf seinen Ruf zusammenkamen, anfangs zweimal, dann einmal im Jahr, wenn Richter pesönlich jeden einzelnen Teilnehmer mit zwei, drei Sätzen eingeladen hatte - in eine Mühle, auf eine Burg, in ein ehemaliges Kloster, später meist in einen renommierten Landgasthof, weitab vom Getriebe der Großstädte. Wie soll man sich erklären, daß einige Dutzend höchst eigenwilliger, komplizierter, empfindlicher und egozentrischer Naturen sich von einem Mann dirigieren ließen, dem sie sich als Schriftsteller weit überlegen fühlten? Wie kam es, daß sie sich widerspruchslos dem strengen, seltsamen Ritual unterwarfen, das er ganz allein vorgeschlagen und durchgesetzt hatte: Die Kritisierten durften sich nicht rechtfertigen, mußten schweigend die oft scharfen, ja vernichtenden Urteile der Anwesenden über sich ergehen lassen.Jeder normale Mensch, so sollte man meinen, würde sich solche Prozeduren verbitten - erst recht Primadonnen, wie es Autoren nun einmal sind.Warum also? Peter Wapnewski hat etwas gestelzt gemeint, in Richter verdingliche sich das Autoritätsbedürfnis eines Schriftsteller-Kreises; in aller Selbstverständlichkeit übe er ihrer aller Autorität aus.Ich zweifle, ob das so war.Was immer ihm die aufeinander eifersüchtigen, untereinander neidischen Zunftgenossen an Rückhalt, Rat, Prestige, gaben: Die Autorität Richters war vor allem seine eigene, das Erbteil einer selbstbewußten Bansiner Fischerfamilie, vor allem aber seiner tüchtigen, lebensklugen Mutter, die aus ihren vielen Kindern etwas Anständiges gemachte hatte.Sie gab ihm Sicherheit mit, innere Unabhängigkeit.Er ruhte in sich.Zumindest tat er immer so, als sei es ihm völlig gleichgültig, was andere über ihn dachten. Eine zweite Antwort auf die Frage nach Richters Erfolg hatten wir schon: Er erdrückte die anderen nicht als überragender Schriftsteller, wie das beispielsweise für Günter Grass galt, der später gern Richters Werk fortgesetzt hätte, auch viele Fähigkeiten dafür mitbrachte: Grass ist ein genauer Zuhörer, konstruktiver Kritiker, guter Ratgeber, außerdem kochte und tanzte er exzellent.Aber es ging nicht, so sehr er sich auch in immer neuen Anläufen Mühe gab.Man beneidete ihn.Außerdem zog Grass viele Ressentiments auf sich, weil er, bei aller Bescheidenheit im Auftreten, immer unübersehbar im Mittelpunkt stehen wollte. Richter hingegen - das ist die dritte Antwort auf unsere Frage - hielt sich zurück.Er verstand es, mit seiner Autorität sparsam umzugehen, war nicht nur würdevoll, sondern wirkte auch warm und freundschaftlich - ich fand: wie ein Märchenkönig.Andere haben ihn - was er übrigens nicht gerne hörte, auch weil er sich selbst wesentlich als Schriftsteller, nicht nur als Gastgeber sah - einen "literarischen Herbergsvater" genannt, wobei Grass einmal mir gegenüber lächelnd hinzufügte: "Man möchte nach Punsch rufen." Seine gutmütige Ausstrahlung konnte oberflächliche Beobachter leicht dazu bringen, seinen harten Kern zu unterschätzen. Ohne Härte konnte man eine Gruppe, die Qualität, ja internationalen Rang haben sollte, nicht zusammenbringen, steigern, beieinander halten.Vor allem besaß er Charisma (obwohl oder weil er mit dem Wort nichts anfangen konnte), hatte alle Eigenschaften, um zu führen.Er hätte einen großen Politiker abgeben können, und im Grunde wollte er auch eher politisch als literarisch Einfluß haben, nämlich eine neue demokratische Elite heranbilden. Seine politischen und literarischen Ambitionen waren auf die Dauer nicht unter einen Hut zu bringen.Der ganze Mensch bestand aus Widersprüchen, war kaum zu greifen.Das meint jedenfalls Barbara König, der wir jetzt ein wunderbares kleines Buch über ihn verdanken, Skizzen zu seiner Biographie, einen zauberhaft zarten, diskreten und doch anschaulich-farbigen Blütenstrauß locker hingetupfter Richter-Miniaturen (Barbara König: Hans Werner Richter.Notizen einer Freundschaft.Hanser Verlag.München 1997.152 Seiten.26 DM). Richter muß selbst gewußt haben, wie schwer er zu erfassen war.In den achtziger Jahren schrieb er, er habe ein Selbstporträt vorgehabt, es dann aber doch lieber gelassen, "weil das Bild immer mehr verwackelte, je länger ich darüber nachdachte".Eine gewisse Verschwommenheit seiner Äußerungen, Richters Talent zu diplomatischer Unschärfe (wie Heinz Ludwig Arnold treffend sagte), gab jedem, den er als Gesprächspartner akzeptierte, das Gefühl, er teile seine Auffassung, zumal er durchblicken ließ, daß er die Meinungen anderer kritisch sah. Wenn man ihm eine Position vortrug, stimmte er zunächst immer zu.Erst danach, wenn überhaupt, erhob er Einwände.Wärme, das von ihm vermittelte Gefühl verständnisvoller Nähe, fand man neben großer Distanz, ja Kälte.Als Richter 1986 "Einundzwanzig Portraits aus der Gruppe 47" veröffentlichte (der Titel sollte zunächst "Nachruf auf meine Freunde" heißen, obwohl die weitaus meisten damals noch am Leben waren), werden sich viele gewundert haben, auch verletzt gewesen sein, wie schonungslos er sie charakterisierte.So beschrieb er detailliert die Geldgier Heinrich Bölls oder konstatierte ungerührt, daß Günter Grass, der ihn doch wie einen Vater dankbar verehrte, politisch geltungsbedürftig und gleichzeitig politisch naiv sei. Was Richter bei anderen wichtig war, vielleicht auch bei sich selbst, merkte ich, als wir zu Beginn der siebziger Jahre eines Abends nach dem Skilaufen im Graubündischen um den warmen Speckofen saßen.Hans Werner fragte uns, was wir bei anderen Menschen, zumal bei Freunden, Partnern, für die zwei wichtigsten Eigenschaften hielten.Barbara König schlug "Kühnheit und Witz" vor, ich "Intelligenz und Sinnlichkeit", Richter "Humor und Toleranz". Humor besaß er tatsächlich viel.Er lachte, freute sich gern - konnte gar nicht umhin, sich zu freuen.Richter war zum Glück entschlossen: "Leben muß Spaß machen." Er war Optimist.Immer ging es ihm "glänzend", auch wenn er sich das nur einredete.Seine demonstrativ gute Laune färbte ab.Immer wieder kündigte er mit großem Enthusiasmus Feste an, machte Stimmung für sie, malte monatelang den Ablauf aus. Mit seiner Toleranz hingegen war es nicht so weit her.Hatte ihn - und seine Gruppe - bis weit in seine mittleren Jahre die vage Hoffnung auf eine neue, freie und irgendwie sozialistische Gesellschaftsordnung beflügelt, fand er später, Erfahrungen machten reaktionär: "das sehe ich an mir selber." Am liebsten umgab er sich mit seinen alten Freunden.Wenn man ihn kennenlernte, konnte er zunächst kalt und abweisend, ja arrogant wirken.Paßten ihm die Neuen, hatte er sich erwärmt, war er treuer, anhänglicher Freundschaft fähig.Richters betontes Zurücktreten hinter der Gruppe hat es deren Autoren erleichtert, ihn in ihren Schilderungen und Erinnerungen oft nur beiläufig zu erwähnen.Wie falsch! Er war die Gruppe.Ohne ihn und seine Postkarten gab es sie nicht.Als seine Einladungen ausblieben, war sie am Ende.Er keineswegs.Endlich schrieb er wieder, und viel besser als früher.Und noch in seinen späten Siebzigern sagte er: "Jetzt wird erst mal gelebt!"

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