Kultur : Man müsste eine Pflanze sein

Jimmie Durham ist Cherokee-Indianer und Performance-Künstler. Jetzt zeigt er Arbeiten in einem Kuhstall

Daniel Völzke

Blumen für den Künstler! Jemand aus dem Publikum überreicht Jimmie Durham einen Strauß. Der bedankt sich höflich, salzt eine Rosenblüte und beißt sie ab, salzt ein Blatt und zerrupft es mit den Zähnen. Der 65-Jährige lässt es sich schmecken, kaut, wiederkäut scheinbar. Früher wurde in dem ehemaligen Stall der Humboldt-Universität geforscht für die sozialistische Tierproduktion. In den nächsten Wochen präsentiert der indianische Objektkünstler, Dichter und Polit-Aktivist Durham in dem weiß gestrichenen Raum eine seiner wild-schönen Alltagsethnologien, die er mit einer vegetarischen Performance eröffnet. „Als Kinder töteten wir alle Tiere, die wir fanden: Frösche, Vögel, Schnecken – einfach alle“, erzählt der Cherokee, nachdem er tatsächlich die Blätter heruntergeschluckt hat. Mit einem „Einklang mit der Natur“, von der indianerbegeisterte New-Age-Anhänger träumen, hat seine Kunst nichts zu tun.

Durham, der seit acht Jahren in Berlin wohnt, sieht nicht aus wie ein „Hollywood-Indianer“. So nennt er das stereotype Bild vom „edlen Wilden“. In Deutschland würde man eher „Karl-May-Indianer“ sagen. Der Künstler trägt ein leger aufgeknöpftes Hemd und redet bedächtig von einem aufregenden Leben zwischen Amerika und Europa, Politik und Kunst. Als Teenager floh Durham aus den rohen, ärmlichen Verhältnissen der heimatlichen Cherokee-Gemeinde in Arkansas und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten auf Farmen und in Städten durch. Er traf andere Indianer, nahm Anfang der Sechzigerjahre teil an alten, Meskalin-basierten Peyotekulten der Native American Church und lernte durch diese Begegnungen mehr über seine Herkunft. „Bei diesen Kulten sang man plötzlich traditionelle Indianerlieder mit, die man zuvor nie gehört hatte“, sagt Durham. Wichtig an dieser Erinnerung ist ihm nicht etwa das Geheimnis, wie so etwas möglich war, sondern dass die Indianer zu dieser Zeit zusammenfanden, statt auf einzelnen Stammesidentitäten zu beharren. „Dadurch entstand eine gewaltige politische Energie.“

Auch der Rassismus, mit dem er auf seinen Reisen konfrontiert wurde, zwang dem jungen Durham eine Identität auf. „Ich habe mich in Amerika nie wohl fühlen können“, sagt er mit melancholischer, angenehm dunkler Stimme. Bald wurde der Umherreisende politisch aktiv. Seine erste Performance führte er in Houston gemeinsam mit Mohammed Ali auf – damals kämpften Minderheiten noch zusammen. Unterdrückung führte zu bürgerrechtlichem Engagement, Politik schlug schnell um in Kunst.

Das Leben des Cherokee ist geprägt von Umwegen, von einer Rastlosigkeit, die man dem ruhig wirkenden Durham nicht zutraut. In Genf hat er Kunst studiert, leitete in den Siebzigerjahren in New York das International Indian Treaty Council und vertrat diese wichtigste Indianer-Organisation bei der UNO. Er lebte in Mexiko, Brüssel, Marseille. Ein DAAD-Stipendium hat ihn nach Berlin gebracht, doch er bereitet schon seinen Umzug nach Rom vor. Das Umherschweifen ist auch Grundlage seiner Kunst. Auf Streifzügen durch die Stadt kartographiert Durham seine Umgebung, sammelt Gegenstände und arrangiert sie in seinen Ausstellungen neu.

So wie einst europäische Völkerkundler die amerikanischen Ureinwohner erforschten, blickt er nun auf Europa und dessen Fortschrittsgläubigkeit. In seiner von der Kuratorin Christiane Grüß organisierten Installation „Some collide, some escape“ im Universitätsstall legt er ein Kuhhorn mit der Aufschrift „Aus dem Sauerland“ neben ein kleines, gebogenes Plastikrohr, medizinische Instrumente werden von Federn eingerahmt, eine alte Zahnbürste steckt zwischen faulen Äpfeln. Seine vorgefundenen Objekte sollen nicht den Kunstbegriff erweitern, das haben andere längst gemacht. „Ich glaube, wir leben in einer guten Zeit für zeitgenössische Kunst: Der Künstler kann die Aufmerksamkeit auf alles lenken.“ Darum geht es Durham: Den Dingen mehr Interesse zu schenken, „die Welt dadurch ständig zu erforschen“. Anregungen findet er genauso in der Wissenschaft wie in der zum „Brauchtum“ degradierten Volks- und Stammeskunst.

Erfolgreich mit seiner oft verwirrenden Kunst ist Jimmie Durham allerdings erst spät geworden. Vor dreizehn Jahren verlegte er in Kassel auf der Documenta IX ein rotes Rohr durch einen Fluss. Danach ging es sehr schnell: Ausstellungen in London, auf der Whitney-Biennale, in Antwerpen, in Ottawa. In diesem Jahr nimmt der Künstler schon zum dritten Mal an der Venedig-Biennale teil. Doch am wichtigsten fand er seine Ausstellung im Norden Norwegens, in einem kleinen Gerichtsgebäude für Lappen. Auch das ist bemerkenswert an diesem Mann: dass er Erfolg an eigenen Kategorien bemisst.

Durham möchte gegen Geformtes und Genormtes arbeiten, „gegen Architektur“, wie er sagt. Dafür benutzt er oft Steine, zerstört damit Zivilisationsgegenstände, beult Kühlschränke ein, zertrümmert Museumsvitrinen. In Sydney hat er einen riesigen Felsbrocken auf ein nagelneues Sportauto werfen lassen. „Schade um den schönen Stein“, kommentierte ein Zuschauer. Dabei hatte der Felsen gar nicht gelitten. Die Natur hat letztlich immer die besseren Argumente.

Seine aktuelle Kuhstall-Installation besitzt auch einige destruktive Momente. Doch allein der schwere Duft der auf dem Boden liegenden Ringelblumen, Zweige und Zimtstangen gibt der Gedenkstätte für gequälte Tiere eine zärtliche Note. Unwillkürlich muss man bei den Eierschalen, Knochen, Federn und Fellen auch an schamanische Rituale, an Totems und Tabus denken. Den Geist der Tiere wolle er beleben, sagt Durham, die gewalttätige Grundlage des Fortschritts zeigen. Also doch Blumen essen? „Dem entkommt man nicht durch Vegetarismus, denn immer noch würde man Pflanzen töten. Man müsste selbst Pflanze sein“, sagt Jimmie Durham und kichert – nicht ohne noch ernst hinzuzufügen: „Wir leben nun mal unter dem Fluch, Mensch zu sein.“

„Some collide, some escape“ bis 4. November im Haus 19 auf dem Campus Nord der Humboldt-Universität (Eingang Philippstr. 13 und Reinhardstr. 4, Mitte), Di-So 12-20 Uhr. Heute um 15 Uhr findet eine Führung der Agentur Art:Berlin statt.

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