• Man muss mit Gespenstern reden Ein Symposium zu Heiner Müller im Jüdischen Museum Berlin

Kultur : Man muss mit Gespenstern reden Ein Symposium zu Heiner Müller im Jüdischen Museum Berlin

Kerstin Decker

Sie saßen ganz oben unter dem Dach des Jüdischen Museums und dachten zwölf Stunden lang über Heiner Müller nach. Müllerianer, das ahnt man, sind Extremisten. Je länger das Symposium der Heiner-Müller-Gesellschaft und der Rosa-Luxemburg-Stiftung währte, desto klarer wurde die eigentliche Hauptperson des Tages – nein, es waren mehrere, viele, viel mehr als sich jetzt gerade zufällig auf der Erde aufhalten: Es waren die Toten. Aber die Toten in ihrer Eigenschaft als die Allerlebendigsten oder wenigstens als Untote. Die Toten als jene, mit denen ein Gespräch unbedingt lohnt. Und was hat Heiner Müller denn lebenslang, dramenlang anderes getan, als Totengespräche geführt?

Am Anfang schien alles noch sehr lebensgeneigt: Heiner Müller lesen. Heiner Müller inszenieren. Lesen und Inszenieren sind doch sehr vitale Kundgebungen, auch wenn die Regisseure auf dem Podium eine deutliche Neigung zur Heiner Müllerschen Diktion zeigten, bei der man auch nie wusste, ob er eigentlich wollte, das wir ihn verstehen. Zur Seite gewandt, fern vom Mikrofon, beschlossen sie, dass alles darauf ankomme, den Müllerschen Dramenstoff zu verbrennen, so dass er Musik werde. „Seine Berufung ist, in der reinen Musik dieser Sprache zu erstrahlen.“ (Tragelehn) – Irgendwie stand einem da Brünnhildes Feuer-Felsen in Wagners Vertonung vor Augen. Müller, der bei Opern zwar stets Anfälle akuter Übelkeit verspürte, kam ja nie los von den Nibelungen. Sie waren seine Obsession, sagt der Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. Heinrich mag die Nibelungen nicht, schon weil sie ein reines Totengeschlecht sind, was man über der lebensechten Raffgier, die sie bei Wagner zeigen, glatt vergessen kann. Heinrich hat Ende der achtziger Jahre einmal lange mit Müller über die Nibelungen gesprochen und über die zweite große Müller-Obsession: den Kessel. Das ist, sagt Heinrich, nicht nur der Schlacht-Kessel (Stalingrad!), sondern es ist der Opferkessel überhaupt. Die Nation also, von der Müller annahm, dass es seine Aufgabe sei, sie zu beerdigen, obwohl er ahnte, dass Theater die „nationale“ Basis nötig hat.

Nun gibt es richtige und falsche Begräbnisse. Zwar sind die globalen Kapitalströme und die digitale Revolution längst dabei, die Nationen zu beerdigen. Aber für Müller und Heinrich sind Beerdigungen zuerst analytische Akte. Gerade wo doch viele unserer vermeintlich lebensvollsten Kulturäußerungen völlig unbewusster Totenkult sind. Heinrich erinnert daran, dass gleich nach dem „Sieg“ der Nation 1870 eine ungeheure Totenburg-Architektur entstand wie übrigens auch nach der französischen Revolution: In dem Augenblick, wo die Gattung oder ein Volk am Ziel scheint, wird schon eingesargt.

Die Nation stellt Heinrich vor als letzten Nachfahren der polytheistischen Götter: etwas Haltgebendes also. Mit ihrem Verschwinden wird das „neolithische“ Zeitalter zu Ende gehen, in dem Menschen Raum und Zeit zueinander in eine trostreiche Beziehung setzten, sich selber anschauten in den Götterbildern. Welchen Schutz gegen die Angst werden Künftige aufbieten?

Klaus Heinrich, soeben mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet, ist, wie Müller, ein Virtuose der Suggestion, dass noch das entfernteste Detail der Religions-, Kunst- und sonstigen Geschichte uns unmittelbar angeht. Bewusst lebt nur – dies die Heinrich-Müller-Lektion des Tages –, wer zugleich Fachmann für Begräbnisangelegenheiten ist, Totenkultsachverständiger und Gespensterkommunikator. Man muss mit den Toten reden, um dem Totenkult zu entkommen. Kultur heißt auch heute noch: den Toten ihren Platz geben.

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