Kultur : Man muss nur überleben

Morgen wäre der Komponist Berthold Goldschmidt 100 geworden

Carsten Niemann

„Es gibt eine kleine Lücke von 1926 bis heute“ hat Berthold Goldschmidt, der vor den Nationalsozialisten aus der deutschen Hauptstadt geflohene Komponist, gesagt, als er 1987 bei den Berliner Festwochen plötzlich wieder enthusiastisch gefeiert wurde. Und lachend hinzugefügt: „Man muss sie nur überleben."

Die Lebensgeschichte von Berthold Goldschmidt, der am 18. Januar 1903 in Hamburg geboren wurde und am 17. Oktober 1996 in London starb, ist ungewöhnlich – physisch wie musikalisch. Wenn sie jetzt, sechs Jahre nach dem Tod des Musikers, mit Feiern, Konzerten und CD-Editionen laut weitererzählt wird, dann auch deswegen, weil sie anschaulich für das Schicksal einer verdrängten Generation steht. 22 Mitglieder von Goldschmidts Familie fanden in den Konzentrationslagern den Tod – ebenso wie viele seiner Komponistenkollegen, deren Schaffen wegen ihrer experimentellen oder politischen Haltung, oder aber wegen ihrer jüdischen Abstammung als „entartet“ verfemt wurde. Während viel versprechende Talente wie Viktor Ullmann oder Erwin Schulhoff dem Massenmord zum Opfer fielen, konnte auch von den im Exil überlebenden Komponisten aus Goldschmidts Generation nach 1945 kaum jemand an die Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen. Denn Arnold Schönbergs Zwölftontechnik gab jetzt das Modell ab für ein demokratisches Miteinander von Klängen; serielles oder gar vom Zufall gesteuertes Komponieren sollte die Musiksprache von romantischem Pathos und Ideologie befreien. Das hieß, dass für Komponisten wie Goldschmidt, die bei aller Experimentierlust den Faden zur Tonalität nicht abreißen lassen wollten, die Luft dünner wurde. Goldschmidt gab schließlich 1958 in seinem Londoner Exil für 24 Jahre das Komponieren auf.

Dass Goldschmidt in Berlin an dem Ort, an dem er einst bei Franz Schreker studiert und sich 1926 mit einer Konzertouvertüre einem breiteren Publikum bekannt gemacht hatte, ein glänzendes spätes Comeback feiern konnte, verdankte er vielen Umständen. Einer ist, dass man in den letzten Jahren besonders dank der von der Decca aufgelegten CD-Reihe die sogenannte „Entartete Musik“ systematisch wiederzuentdecken begann. Manche Kritiker stießen sich an der Idee, eine heterogene Komponistengruppe mit musikalischen Ansätzen von der Spätromantik eines Zemlinsky bis hin zu Kreneks Jazzadaptionen unter diesem Etikett zusammenzufassen. Andere gaben zu bedenken, dass auch manches minderbegabte Talent hatte weichen müssen und neben den Serialisten verschwand. Doch eine neue Musikergeneration sowie ein Publikum, das sich im Nachwenderausch neu und unbefangen für die Zwanzigerjahre und ihren musikalischen Tanz auf dem Vulkan zu interessieren begann, wollte mehr wissen.

Dass die Decca die Reihe „Entartete Musik“ in diesen Tagen anlässlich von Goldschmidts Hundertstem neu herausbringt, ist das aufwändigste Präsent, das der Jahrhundertkomponist erhält: Einspielungen seiner Werke von der Oper bis zum Kabarettsong, mit Interpreten von Ute Lemper bis Simon Rattle stehen exemplarisch für die stilistische Bandbreite der Komponisten, als deren Anwalt sich Goldschmidt verstand.

Wie sehr die Vergessenen um Goldschmidt inzwischen in das Berliner Repertoire vorgedrungen sind, kann man an den jüngsten Aufführungen von Werken eines Franz Schreker an der Staatsoper, eines Zemlinky an der Komischen Oper oder Stefan Wolpes im Konzerthaus ablesen.

Doch die Erinnerung an Goldschmidts Musik wird auch im Jubiläumsjahr vor allem von den Fürsprechern der letzten Lebensjahre getragen. Am 3. Mai wird David Geringas zusammen mit dem Deutschen-Symphonie Orchester sein Cellokonzert aufführen; am 14. Mai folgt ihm Yakov Kreizberg, der schon 1994 die über 60 Jahre verspätete Berliner Premiere von Goldschmidts Oper „Der gewaltige Hahnrei“ dirigierte, wenn er im Konzerthaus die Erstaufführung einer vom Komponisten selbst zusammengestellten Suite aus dem gefeierten Musiktheaterwerk leiten wird. Wer mehr hören will, muss reisen: Etwa am 23. Januar in die Kieler Kunsthalle, wo das Mandelring-Quartett, das einst Spätwerke von Goldschmidt aus der Taufe hob, seine ersten Streichquartette präsentiert: Musik aus Berlin von 1926 – der Zeit vor der fatalen Lücke.

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