Kultur : Man sieht rot

Jörg Königsdorf

Der Skandal, den Hans-Werner Henzes „Floß der Medusa“ anno 68 bei seiner gescheiterten Uraufführung in Hamburg verursachte, treibt einem heute nachgerade Tränen der Rührung in die Augen. Damals platzte die Vorstellung, weil die Musiker sich weigerten, das abendfüllende Oratorium unter einer roten Fahne zu spielen und weil irgendein empörter Offizieller des veranstaltenden Rundfunksenders ein im Saal aufgehängtes Porträt des Widmungsträgers Che Guevaras zerrissen hatte. Das war noch Kampfgeist – auf beiden Seiten, wohlgemerkt. Inzwischen hatten wir schon fast vergessen, dass Musiker auch noch gegen etwas anderes protestieren können als die Streichung irgendwelcher Tarifzulagen, und das Che-Guevara-Porträt ist von der Ikone längst zum Designmotiv mutiert. Vermutlich haben auch von den Stipendiaten der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker etliche ihr Che-Shirt für den abendlichen Prenzlauer-BergAusflug im Kleiderschrank. Und eigentlich wäre es doch eine nette Geste, wenn sie es auch bei der Aufführung des „Floßes“ am Mittwoch tragen würden – schließlich ist das Konzert unter Leitung von Simon Rattle als nachträgliche Hommage an Henzes 80. gedacht. Und wenn man schon mal dabei ist, könnte man zu Inspirationszwecken auch wieder eine rote Fahne in die Philharmonie hängen – sozusagen als Erweiterung der Prinzipien historischer Aufführungspraxis auf die Moderne. Die Fahne kann sogar hängen bleiben: Freitag bis Sonntag stehen bei Rattle und den Philharmonikern die erste und die letzte Schostakowitsch-Sinfonie auf dem Programm. Auch da könnte ein rotes Tuch nichts schaden – und sei es nur zur Steigerung des Ardenalinpegels.

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