Kultur : Man singt nur mit dem Herzen gut

Frohe Botschaft: U2 verwandeln ihr Konzert im Berliner Olympiastadion zum Ersatzgottesdienst gegen die Terrorangst

Christian Schröder

Er singt das Lied seit 22 Jahren, er wird es noch oft singen müssen. „I can’t believe the news today“, fast flüstert Bono die Anfangszeilen. „I can’t close my eyes and make it go away.“ Die news today , das sind natürlich die Nachrichten von den Terroranschlägen in London. Man mag die Augen noch so oft schließen, die Bilder von den Verletzten und Verstörten wird man doch nicht mehr los. „Sunday Bloody Sunday“, 1983 auf dem dritten U2-Album „War“ noch den Opfern des nordirischen Bürgerkriegs gewidmet, wird am Abend dieses Bloody Thursday zur Trauerhymne, zum Gospel gegen die Angst. „God exists!“, ruft Bono in das lärmende Stakkato der Trommeln und Gitarren, „no more terror!“ Den Refrain singen die 60000 Zuhörer im nicht ganz ausverkauften Berliner Olympiastadion mit, es ist der Moment einer kollektiven Entgrenzung: „Tonight we can be as one.“ Wut und Verzweiflung in einen Rausch der Zusammengehörigkeit zu verwandeln, das war schon immer die Stärke der irischen Weltverbesserungsrocker.

Man hat Paul Hewston, der sich Bono Vox nennt, seitdem er vor 28 Jahren mit drei Schulfreunden in Dublin seine Band U2 gründete, oft vorgeworfen, eher Prediger als Popstar zu sein. Längst aus der Rolle des Nur-Sängers herausgewachsen, ist er inzwischen als eine Art Generalvertreter aller Entrechteten und Beladenen zuverlässig dort zur Stelle, wo die Not am größten ist – im sterbenden Regenwald am Amazonas oder in den Dürregebieten Afrikas. Zum Berliner Konzert kam er vom G-8-Gipfel aus Gleneagles eingeflogen, wo er noch am Vortag mit Bundeskanzler Schröder über die Entschuldung der Dritten Welt konferiert hatte.

Doch zum hohen Ton der Betroffenheit von „Sunday Bloody Sunday“, dem emotionalen Höhepunkt des Auftritts, passt der sakrale Habitus des Sängers ganz hervorragend. Schnell aber schlägt bei Bono das Pathos um in Peinlichkeit. Beim Nachfolgesong „Bullet the Blue Sky“ zieht er sich ein Stirnband über die Augen, um wie ein blinder Seher über die Bühne zu stolpern. Auf dem Stirnband sind die drei Religionssymbole Halbmond, Judenstern und Kreuz nebeneinander angeordnet. Zur didaktischen Vereinfachung werden die Symbole außerdem auf eine haushohe Leinwand projiziert und vom Sänger ausführlich erläutert. Die Botschaft ist so schlicht wie wahr: Gott gut, Mensch manchmal schlecht.

Die Tourneen von U2, weltumspannende Mammutunternehmen wie sonst nur bei den Rolling Stones, sind zuverlässige Indikatoren des Zeitgeistes. Bei der „Zoo-TV“-Tour ließen sie 1992 Trabbis durch Stadien fliegen, 1997 hängten sie, passend zu ihrem Album „Pop“, gigantische Discokugeln und Zitronen auf. Das waren verspielte Kommentare zum Hedonismus der Neunzigerjahre. Inzwischen sind die Zeiten wieder härter geworden. Die Ironie – ohnehin keine Stärke von Bono und den Seinen – ist vorbei; mit der „Vertigo“-Tour kehrt die Band zu ihren Wurzeln zurück. Auf ihrem jüngsten Album „How To Dismantle An Atomic Bomb“ – von dem sie in Berlin vier Stücke spielen – haben U2 ihre Musik entschlackt und von allem Sound-Firlefanz befreit. Wie in der Ära von „The Unforgettable Fire“ (1984) und „The Joshua Tree“ (1987) dominieren allein die hallende und heulende Gitarre von Dave „The Edge“ Evans und die wuchtigen Rhythmen von Drummer Laurence Mullen und Bassist Adam Clayton.

Die Kargheit des Bühnenbilds entspricht dem Purismus dieser Musik, die nichts anderes sein möchte als schlichter Rock’n’Roll. „Vertigo“ ist sozusagen die größte Clubtournee der Welt, ein auf XXL-Format aufgeblasener Eine-Gitarre-ein–Schlagzeug-und- ein-Bass-Anachronismus. Zur Not könnte sich die Band auch mit einer Hinterzimmerbühne begnügen. Als das Konzert mit dem Titelstück „Vertigo“ beginnt, sind Bono, Clayton und The Edge – wie immer mit Strickmütze – zu einer Dreierkette aufgereiht, Mullen hockt hinter ihnen unter einem regensicheren transparenten Plastikzelt an seinen Trommeln. Rot-schwarz gestreifte Türme tragen Leinwände, auf denen die Musiker in monumentaler Nahsicht zu sehen sind, dazwischen spannt sich eine konkave Metallwand, die abwechselnd für Lichteffekte und als Projektionsfläche dient.

Gigantische Laufstege führen von der Hauptbühne ins Publikum. Immer wieder sucht Bono die Nähe seiner Fans, und von weitem sieht es so aus, als könne er aus purer Willenskraf ber den Köpfen der Zuschauer schweben, so wie Jesus einst übers Wasser lief. Ähnlich wie die Stones und Bob Dylan können sich U2 den Luxus erlauben, die Setlists ihrer Konzerte ad hoc zu bestimmen und dabei auf ein unerschöpfliches Repertoire aus einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte zurückzugreifen. Auf ihre Gassenhauer „New Year’s Day“ und „Beautiful Day“ lassen sie ansatzlos „Sgt. Pepper’s“ folgen, eine Referenz an das Londoner Live-8-Konzert, bei dem Bono den Beatles-Klassiker mit Paul McCartney intoniert hatte. Vorher schon zitierte der Sänger „I Can’t Stand the Rain“, eine augenzwinkernde Huldigung an den kühlen Berliner Sommer.

Beim elften Stück, der schwelgerischen Ballade „Sometimes You Can’t make It On Your Own“, seinem toten Vater gewidmet, nimmt Bono zum ersten Mal die Sonnenbrille ab. Während die Songs anfangs kommentarlos ineinander übergegangen waren, ein Best-of im Schnelldurchlauf, wird der zweite Teil des Abends pädagogisch wertvoller. Zu „Running to Stand Still“ flackert die UN-Menschenrechtserklärung über die Projektionswand, und das Stadion verwandelt sich in ein wogendes Lichtermeer aus Feuerzeugen und den grünlich schimmernden Displays hochgereckter Handys. Pfiffe mischen sich in den Jubel, als Bono in John-F.-Kennedy-Deutsch die Entwicklungshilfepolitik von „Cänzella Schröda“ lobt. Nach zwei Stunden endet der offizielle Teil des Abends mit dem Tränendrücker „One“, den niemand herzergreifender gesungen hat als Johnny Cash. Es folgen fünf Zugaben, auf der Leinwand erscheinen Bruchstücke von Phrasen: „where is the“, „why do you“, „I have no“. Und natürlich ein groß geschriebenes Wort: „LOVE“.

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