Manager-Chor : Wenn der Chef zum Sängerknaben wird

Die Mitglieder des Leader-Chores geben sonst selbst den Ton an. Simon Halsey, Leiter des Rundfunkchors Berlin, ist für seine ungewöhnlichen Projekte bekannt. Nun bringt er 35 Führungskräften aus Wirtschaft und Verwaltung das musikalische Teamwork bei.

Udo Badelt
Leader-Chor
Die Puppen tanzen lassen. Der Leader-Chor bei der Probe. -Foto: David Heerde

An der Spitze gibt es keine Feiertage. Eine echte Führungskraft packt, wenn alle anderen zu Hause bleiben und lange schlafen, ihre Siebensachen und tut das, wofür der Betrieb sonst keine Zeit lässt. Zum Beispiel nach Berlin fahren und mit anderen Managern gemeinsam im Chor singen. Es ist Freitag, draußen liegt die Stille des Tags der Deutschen Einheit über Berlin, aber im Haus des Rundfunks an der Masurenallee wird gearbeitet. 35 Laiensänger proben mit Simon Halsey, Leiter des Rundfunkchors Berlin, für den gemeinsamen Auftritt. Es sind Firmeninhaber, viele sind Chef oder Chefin mehrerer Tausend Angestellter. Man traut sich kaum, die Metapher zu verwenden, so naheliegend ist sie, aber alle geben sonst selbst den Ton an.

In den kommenden Tagen aber unterwerfen sie sich einem strikten Probenmarathon, an dessen Ende ein präsentabler Abend mit Gesängen von Schubert, Mendelssohn Bartholdy und dem amerikanischen Komponisten Eric Whitacre stehen muss. Drei Tage lang, je fünf Stunden wird geprobt – ein Tempo, das die meisten von ihrem Job her kennen. Vielleicht gibt es deshalb bei Mendelssohns „Nachtigall“ plötzlich Probleme. „Meine Damen und Herren“, so Halsey, „sie wollen das Stück schneller machen. Das wäre möglich, aber dann ginge viel musikalische Information verloren. Wir brauchen Ruhe. Sonst habe ich sehr viel Arbeit. Und ich bin heute der Chef.“

Halsey überstürzt nichts, immerhin hat dieser Chor noch nie oder zumindest seit einem Jahr nicht mehr zusammen gesungen. Halsey setzt ein jungenhaftes Lächeln auf, das sich aufs Ensemble überträgt, die Töne klingen passabel, wenn auch hier und da noch nicht recht beseelt. Manchmal hinken die Männerstimmen den Sopranen hinterher, aber im Großen und Ganzen hört sich das gut an. Wenn die Stimmen leise absetzen, ist Halsey glücklich, oder zumindest tut er so. Mit Witzchen spart er auch nicht: Felix Mendelssohn Bartholdy habe in England gewohnt und Englisch gesprochen, flunkert er. „Ich weiß gar nicht, wie Sie darauf kommen, dass er Deutscher gewesen sein könnte.“

Schon Halseys Eltern in London waren Chorleiter und Sängerin, er besuchte die Chorschulen der Universitäten Oxford und Cambridge, studierte am Royal College of Music und wurde später Leiter des City of Birmingham Symphony Chorus. Dorthin hatte ihn Simon Rattle eingeladen, mit dem ihn eine jahrzehntelange Freundschaft verbindet. Noch vor Rattle kam Halsey dann 2001 als Chef des Rundfunkchors nach Berlin. Er hat mehrere Chöre gegründet, schwingt den Taktstock vor den besten Ensembles der Welt und hat doch keine Berührungsängste, wenn es darum geht, Chormusik einer breiteren Schicht zugänglich zu machen.

Unter dem Motto „Broadening the Scope of Choral Music“ geht sein Chor jedes Jahr ungewöhnliche Wege, unterrichtet an Schulen oder organisiert Aufführungen in Domänen anderer Kunstformen wie dem Museum Hamburger Bahnhof. Auch die Mitsingkonzerte in der Philharmonie sind aus diesem Geist heraus entstanden. Aus wenigen Teilnehmern im Jahr 2003 sind mittlerweile 1300 geworden, und 800 stehen auf der Warteliste für das nächste Konzert im Februar 2009. Um im intimen Rahmen intensiver mit Laien proben zu können und gleichzeitig einflussreiche Freunde und Unterstützer für den Rundfunkchor zu gewinnen, entwickelten Simon Halsey und Chordirektor Hans Rehberg 2006 das Konzept des Leader-Chores für Führungskräfte. Zwei Drittel der Teilnehmer kommen aus Berlin, viele waren schon in den vergangenen Jahren dabei. Sie alle haben musikalische Vorbildung, sind dann aber andere Wege gegangen.

Hat man als Führungskraft Probleme, sich von einem Tag auf den nächsten jemand anderem unterzuordnen? Matthias Seidl, Kopf einer IT-Management-Beratung in Berlin, jedenfalls nicht: „Eine gute Führungskraft kann sich unterordnen.“ Auch für Marita Goga ist es kein Problem, den Stab abzugeben – solange eine Struktur erkennbar ist. Wenn alles gut organisiert ist, würden sich die Abläufe von alleine regeln. Goga, die eigentlich für die Brandenburgische Landesregierung arbeitet, besitzt auch eine Künstlerberatung, allerdings ohne Angestellte. Das ist bei Karl-Hermann Wagner anders. Seine Düsseldorfer Firma übernimmt das sogenannte „Facility Management“ in Krankenhäusern, also Kochen und Gebäudereinigung. Sie hat 2000 Mitarbeiter und auch ein Büro in Berlin. Erst einen Tag vor der Probe hat Wagner einen Vertrag mit dem Gertrauden Krankenhaus verhandelt. „Von Simon Halsey kann man lernen, wie man führt“, sagt er.

So mancher scheint dieses verlängerte Chorwochenende für 460 Euro als ein Seminar in Führungstechnik zu verstehen. Matthias Seidl zum Beispiel lobt ausdrücklich Halseys Taktik, immer erst das Positive herauszustellen, bevor die Kritik einsetzt. „So holt er das Beste aus uns heraus. Lob kommt im Management oft zu kurz.“ Andere sagen, es sei schön, endlich wieder etwas im Team zu machen, sich vom Beruf freizuschwimmen, über andere Dinge zu reden.

Dafür bleibt Zeit. Ein Ausflug auf der Spree ist da allemal drin. Sie werden ja auf dem Schiff nicht gleich Lieder intonieren. Obwohl, für eine echte Führungskraft gibt es keine Pausen. Auch nicht vom Singen.

Abschlusskonzert des Leader-Chors: Mo 19 Uhr, Akademie der Künste Berlin

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