Kultur : Manchmal hatten wir auch Angst

DDR-Punks wollten Spaß. Eine Hellersdorfer Reihe erinnert an verfolgte Subkulturen

Bodo Mrozek

Wie er zu seinem krassen Haarschnitt gekommen ist? „Den hat mir meine Mama geschnitten“, sagt der athletische Mann mit der polierten Glatze auf dem Podium. Was die Mutter nicht ahnte: Kaum eine Woche danach musste sie ihren Sohn auf einer Ost-Berliner Polizeiwache abholen. Die Frisur war Anfang der Achtzigerjahre Grund genug für eine Festnahme des damals 15-Jährigen. Das Publikum nimmt die Anekdote mit Gelächter auf. Ähnliche Erfahrungen haben hier viele gemacht.

Der Hellersdorfer Jugendclub „Eastend“ ist gut gefüllt mit Menschen, die ihre Jugend schon vor rund fünfzehn Jahren beendet haben. Man trägt Schwarz und sieht gut dabei aus. Auf den ersten Blick könnte es sich hier um eine Versammlung von Architekten oder Galeristen handeln. Erst bei näherem Hinsehen kündet hier ein Button, da eine dezent versteckte Panzerkette im Ausschnitt von der Vergangenheit derer, die sich hier an „Punk in der DDR“ erinneren. So hieß die von Henryk Gericke organisierte Veranstaltung, die am vergangenen Wochenende viele Ehemalige der Bewegung besuchten.

Den kräftigen Glatzkopf auf dem Podium kannte in der Ost-Berliner Punk-Szene jeder. Manche gingen ihm lieber aus dem Weg. Damals, in Ost-Berlin, gehörte „Colonell“ zu den Punks der ersten Stunde. Die Bilanz seiner wilden Jugend: sechs Monate Jugendhaft, ein Jahr und vier Monate Strafvollzug, ungezählte Verhöre, Schikanen aller Art. Und jede Menge Spaß, wie er hervorhebt. Schließlich Abschiebung in die BRD.

Das Zeitzeugengespräch mit DDR-Punks ist der Auftakt für eine dreiteilige, mit Mitteln der Civitas finanzierte Reihe unter dem Titel „Entartete Jugend – Subkultur in Zeiten der Diktatur“. Unter den Punk-Veteranen, die nach Hellersdorf gekommen sind, ist auch Conny Remath aus Leipzig – obwohl sie den im Veranstaltungstitel anklingenden NS-Vergleich unglücklich findet. Ihr Weg in die Punkszene begann wie bei vielen mit dem Westradio.

Was da 1981 wie ein Wutschrei aus dem Äther dröhnte, war gänzlich anders, als die Hippie-Musik und die Bob Dylan-Songs, die die 1966 in Leipzig geborene Conny bisher gehört hatte. Stücke von Gruppen mit Namen wie Sex Pistols, The Clash oder Fehlfarben waren aggressiv und hatten Kraft. Das kam vielen unzufriedenen Jugendlichen in der DDR entgegen. Eines Nachts stieg ein Freund mit ihr durchs Fenster in eine verlassene Wohnung ein. Die etwa zwanzig Jugendlichen, die da am Boden schliefen, waren Punks. „Am Morgen hat keiner gefragt: Wer bist denn du? Da war man plötzlich mittendrin.“ Das Outfit der Punks wirkte schon im Westen schockierend – im Überwachungsstaat der DDR stand man damit mit einem Bein im Knast. Auch Conny trug fortan am liebsten schwarz. Die Haare färbte man mangels bunter Haarfarbe mit Filzstifttinte, als Buttons dienten selbst lackierte Mantelknöpfe. Ein Werkzeugmacher drehte einzeln spitze Nieten aus Stahl, bei der VEB Galvanik verchromte sie dann ein anderer Freund. „Unsere Armbänder wogen ein Kilo, und wir hatten immer Rost im Nacken“, erinnert sich amüsiert Bernd Stracke, Gitarrist der Leipziger Punkband Namenlos.

Nach westlichem Vorbild hatten sich auch in der DDR Punk-Bands formiert. Manche ihrer Texte waren deutlicher, als die Doktrin es erlaubte: „Leipzig-City, kalt und verdreckt. / Hässliche Häuser hinter Fassaden versteckt. / Uni, Gewandhaus: die City wird fein. / Woanders fallen die Wohnungen ein.“ So sang etwa Ray „Chaos“ Schneider von Wutanfall. Texte wie diesen hörte auch die Stasi. „Festnahmen waren für uns völlig normal geworden“, erinnert sich Conny.

Anders Aussehen – das war Grund genug für Arbeitsplatzbindung, Berlin-Verbot oder Haft. Manchmal wurde man auch von der Polizei zusammengeschlagen. Conny war FDJ-Funktionärin gewesen. Nach solchen Erlebnissen trat sie aus. Ihre Begründung musste die 15-Jährige beim Schulapell über das Mikrophon erklären. Fortan konnte sie dem Staatssozialismus nicht mehr viel abgewinnen.

Punk war für viele Ostdeutsche nicht nur eine Spaßkultur. Das Spiel mit Provokation wurde oftmals bitterer Ernst. „Wir wurden politisch, denn wir merkten, dass ein System, das so mit anders Aussehenden umgeht, nicht stimmen kann.“ In Leipzig, Berlin und Karl-Marx-Stadt begannen sich die Punks zu politisieren. 1983 hatte der Staat gegen die kritischen Texter von Namenlos losgeschlagen: Mehrere Musiker, darunter die Sängerin Jana Schloßer, waren inhaftiert und zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

Conny zog mit anderen Punks los und sprühte Parolen auf Häuserwände: „Freiheit für Jana, Mita und A-Micha“, „Bullenstaat“ und den Text der BRD–Punkband Slime: „Ich will nicht kämpfen, ich will nicht sterben, ich will euren Scheißstaat nicht erben.“ Am nächsten Tag holte sie die Stasi vom Arbeitsplatz ab. Vier Monate verbrachte sie in Untersuchungshaft, fünf weitere im Vollzug. Auch im Knast blieb sie trotzig. Dafür gab es Einzelhaft in einer unmöblierten nasskalten Kellerzelle, in der man nur stehen konnte. Fünf Tage lang. „Ich habe mir alle Lieder vorgesungen und alle Geschichten erzählt, die ich kannte“, sagt die heute 37-Jährige, die inzwischen beim Film arbeitet. Damals war sie 17.

Nicht viel anders erging es den Berliner Punks. Ihr Treffpunkt war der Kulturpark Plänterwald, wo man bei Open-Air-Konzerten von Bands wie Jähzorn oder Keimschleim Pogo tanzen konnte. „Im ,Kulti’ dachten wir, wir wären frei“, erinnert sich der ehemalige Punk Ronald Galenza. Manchmal kamen bis zu 120 „Bunte“ aus dem ganzen Osten zusammen. Später stellte sich heraus, dass der Feind nicht nur aus den Herren im Regenmantel bestand. Die Stasi-Akten (manche der 15-jährigen „Staatsfeinde“ brachten es auf 5000 Seiten) enthüllten, dass die Staatsicherheit auf fast jeder Bühne mitgesungen hatte und über die meisten Aktionen bestens informiert war: Etliche minderjährige IMs waren zentrale Figuren der Szene.

Conny und ihre Freunde kamen Mitte der Achtziger aus der Haft frei, doch die „erste Generation“ war weitgehend zerschlagen. Viele Aktivisten hatte man inhaftiert, in den Westen abgeschoben oder zur Armee eingezogen. Erich Mielke hatte 1983 persönlich „Härte gegen Punks“ befohlen. Unter dem psychischen und physischen Druck dieser Linie waren manche zerbrochen, einzelne hatten sich das Leben genommen. Es dauerte Jahre, bis eine neue Generation herangewachsen war.

Als Galenza 1986 mit selbst aufgenommener Musik auf ORWO-Kassetten und zwei Radiorekordern vom Typ „Annett“ die erste Punk-Disco auf der Treptower Insel der Jugend organisierte, standen plötzlich rund 500 Nachwuchspunks, New Romantics und Gothics auf der Bogenbrücke. Mittlerweile fiel es den DDR-Behörden schwerer, die gewachsene Jugendbewegung zu unterdrücken.

Heute ist die Bewegung bis auf ein paar wenige Erinnerungsbücher noch immer ein ungeschriebenes Kapitel der DDR-Geschiche. Vielleicht liegt das auch an der Haltung der Ex-Punks: „Nach der Wende war eines klar: Ich werde in meiner Wohnung nicht wie in der Stasi-Zelle auf- und abtigern“, sagt Colonell auf dem Hellersdorfer Podium. Als Held will sich hier keiner sehen, obwohl man für die „Wendehälse“ und Spätprotestierer nur Verachtung übrig hat. „Der Spaß war immer das Wichtigste“, bestätigt ein anderer, „die Nachteile gehörten eben dazu“. In dem dröhnenden Applaus geht der leise Satz einer Ehemaligen fast unter: „Manchmal hatten wir auch Angst.“

Weitere Veranstaltungen: zur Beat-Bewegung in der DDR der Sechzigerjahre (14.2.) und zur Swing-Jugend der Vierziger (13.3.) , jeweils um 20 Uhr im Eastend, Tangermünderstr. 127 (Hellersdorf). Infos zur DDR-Punk-Bewegung unter: www.generationpunk.de

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