Mandelring Quartett : Kaltstart auf 180

Das Mandelring Quartett holt sich im Kammermusiksaal zwei Gäste dazu - und liefert einen klangsatten, furiosen Abend.

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Das Mandelring Quartett stammt aus Neustadt an der Weinstraße.
Das Mandelring Quartett stammt aus Neustadt an der Weinstraße.Foto: Ralf Ziegler

Schon verrückt, was ein, zwei Instrumente ausmachen. Ein Streichquartett ist eine intime Angelegenheit, aber kaum fügt man eine Bratsche und ein Cello hinzu, potenziert sich die Klangfülle zu symphonischem Ausmaß. Das Mandelring Quartett beschließt seine Berliner Jubiläumsreihe zum 30. Geburtstag mit einem „Mandelring plus“-Abend im Kammermusiksaal und bringt mit Bratschistin Mirjam Tschopp und Cellist Gustav Rivinius Quintette von Mozart und Felix Otto Dessoff zu Gehör, außerdem Tschaikowskys d-Moll- Sextett.

Ein klangsatter, zunehmend furioser Abend. Hoher Bogendruck , Verve: Tschaikowskys „Souvenir de Florence“-Sextett hebt mit verzweifelt-jauchzendem Aufschrei der Primgeige an. Ein Kaltstart auf 180. Der Aufruhr der Sinne lässt sich auch nicht besänftigen, als im Adagio cantabile Serenadengesänge über apartem Pizzicato angestimmt werden – es ist die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Folgen wahnwitzige Accelerandi und virtuos verstrickte Kontrapunktik samt finaler Raserei, die aber punktgenau ins Ziel führt. Die legendäre Homogenität des Quartetts erfährt ihre Entsprechung in kongenialer Polyphonie: Man lässt den Gästen den Vortritt bei den solistischen Partien, artikuliert jedoch auch zu sechst wie mit einem Atem.

Dessoffs G-Dur-Streichquintett mit zwei Celli geht ähnlich temperamentvoll über die Bühne. Der Förderer und Lehrer von Brahms gab das Komponieren zugunsten des Dirigierens auf. Nur eine Handvoll Werke sind erhalten, Kammermusik und Lieder, man wünscht sich mehr. Denn das Quintett hat es in sich, es vereint den nervösen Puls der Großstadt gleichsam mit Naturliebe, unter der hoch kultivierten Oberfläche lauert das Tier.

Aber: Unter all der Entfesselungskunst leidet die Differenziertheit in Klanggestaltung und Phrasierung. Die wenig ausgefeilte Dynamik und der immer gleiche Abstand der Stimmen zueinander setzt vor allem Mozarts c-Moll-Quintett KV 406 zu. Was fehlt, ist jener Feinsinn, jene Tiefenschärfe, die den Zauber des Repertoirestücks freisetzt, als hörte man es zum ersten Mal.

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