Mandolinespieler Hamilton de Holanda : Vier Doppelsaiten sind nicht genug

Der Brasilianer Hamilton de Holanda wird gerne als „Jimi Hendrix der Mandoline“ gepriesen. Jetzt kommt der Musiker nach Berlin. Ein Hausbesuch in Rio.

Idylle am Stadtrand. Hamilton de Holanda zu Hause in seinem Garten in Rio de Janeiro.
Idylle am Stadtrand. Hamilton de Holanda zu Hause in seinem Garten in Rio de Janeiro.Foto: Philipp Lichterbeck

Der Weg zu Hamilton de Holanda führt weit in den Westen hinaus, zuerst fährt man mit der neuen Metrolinie und dann mit dem Schnellbus über die Avenida das Américas, immer parallel zum Atlantikstrand, der hinter hellen Wohnblocks verborgen liegt.

Schließlich, schon fast an der Stadtgrenze, erreicht man eine gepflegte Apartmentanlage mit Einlasskontrolle. Hier hat Hamilton de Holanda vor einigen Jahren eine Wohnung erworben. Es ist eine eher ungewöhnliche Wohngegend, etwas steril und für einen Musiker ziemlich weit weg vom Geschehen in der Musikstadt Rio de Janeiro. Die Liebe habe ihn hierhergeführt, sagt Hamilton de Holanda. Seine Freundin, die heute seine Frau ist, wohnte in der Nähe. Und für ihre drei Kinder sei es ideal hier draußen, ruhig und nicht weit zum Meer.

Die Liebe, der 41-jährige de Holanda wird sie immer wieder erwähnen. Sie gilt zuallererst einem ungewöhnlichen Instrument. Als kleiner Junge bekam er vom Großvater eine Mandoline in die Hand gedrückt. Er nennt es, logisch, „Liebe auf den ersten Klang“. Heute ist er einer der weltweit virtuosesten und außergewöhnlichsten Spieler dieses traditionellen Saiteninstruments, das auf Portugiesisch Bandolim heißt.

Jazz, Samba, Pop und Choro

Hamilton de Holanda kommt also mit einem breiten Lächeln, das er nie abzulegen scheint, und mit seiner Mandoline in den grünen Innenhof, setzt sich hin und zupft und schlägt drauflos. Er improvisiert einige Melodien, so bunt wie die Blüten der tropischen Pflanzen um ihn herum, die Gärtner recken die Hälse. Was spielt der da? Hamilton de Holanda kann es selbst nicht so genau erklären. Er gilt als Allrounder, als Alleskönner, und er sagt etwas in seiner schönen Einfachheit sehr Brasilianisches: „Die Musik kommt bei mir aus dem Herzen. Da ist eine direkte Verbindung“.

Oft wird de Holanda als Jazzmusiker bezeichnet, weil er mit den Größen der Zunft auftritt, etwa mit dem Trompeter Wynton Marsalis. Genauso selbstverständlich aber spielt er auf seiner Mandoline Samba und Pop und vor allem den brasilianischen Choro. Das ist gewissermaßen der ältere Bruder des Sambas und ein Ergebnis der Vermischung europäischer Salonmusik mit dem afrikanischen Lundu.

Nun mag man die Mandoline zunächst mit Mittelalterfestivals in Verbindung bringen, weil man sie mit der ihr verwandten, weit älteren Laute verwechselt; oder man mag korrekt an die Musik des Barock denken, etwa an Kompositionen von Antonio Vivaldi, der eigens für die Mandoline komponierte – das Instrument stammt tatsächlich aus dem 17. Jahrhundert. In Brasilien aber haftet der Mandoline nichts Antiquiertes an. Sie ist hier fast ein Alltagsinstrument, kam mit den Portugiesen und Italienern über den Atlantik – und traf hier auf all die afrikanischen Rhythmen, die zur Grundlage der populären Musik des 20. Jahrhunderts wurden. Auch die mit der Mandoline verwandte Ukulele gehört heute zu jeder Sambarunde.

Mit fünf Jahren erstmals an der Mandoline

Doch erst Hamilton de Holanda löste die Mandoline aus ihrem brasilianischen Kontext. Er ist viel auf Tour, hat Anfragen aus der ganzen Welt. Am Montag und Dienstag kommt er mit seinem Trio (Bass und Perkussion gehören dazu) nach Berlin, tritt dann in Italien und Portugal auf.

De Holanda war fünf Jahre alt, als er erstmals eine Mandoline in der Hand hielt, das war in seiner Heimatstadt Brasília, bekannt für ihre futuristische Stadtanlage. „Es gibt in Brasília eine sehr lebendige Musikszene“, erklärt er – um gleich einen kleinen Seitenhieb auszuteilen. „Dort üben die Musiker mehr als in Rio. Hier sind sie mehr am Strand.“

Geübt hat de Holanda sicherlich viele, viele Stunden. Schon früh brachte er es zu einer solchen Fingerfertigkeit, dass ihm die vier Doppelsaiten der klassischen Mandoline nicht mehr genügten. „Ich brauchte mehr Ausdrucksmöglichkeiten.“ Und so spielt er heute auf einer Spezialanfertigung mit fünf Doppelsaiten, wer weiß, vielleicht genügen ihm auch diese bald nicht mehr. Denn Hamilton de Holanda macht auf der Mandoline derart revolutionäre Sachen, dass man ihn in den USA gerne als „Jimi Hendrix der Mandoline“ bezeichnet.

Er selbst glaubt bescheiden, dass der Vergleich mit seiner Haarpracht zu tun hat, einem unbändigen Afro – „ich bin stolzer Mischling afrikanischer und europäischer Vorfahren“. Die Analogie ist gewiss auch auf sein virtuoses Spiel gemünzt, das ihm 2016 einen Latin Grammy für das beste Instrumentalalbum einbrachte. Und zuletzt hat de Holanda die Musik von Milton Nascimento interpretiert, einem der größten lebenden Songwriter.

In Brasilien ein Muss, Musik zu machen

Auch der versteht sich als Universalist, bei dem die Genregrenzen keine Rolle mehr spielen. Auf dem Album findet sich auch eine Eigenkomposition de Holandas, ein Stück, bei dem er erstmals nicht nur musiziert, sondern singt. Es geht um jenen syrischen Flüchtlingsjungen, der 2015 tot an einen türkischen Strand gespült wurde, das Foto von Aylan Kurdi ging um die Welt. „Ich spürte einen so großen Schmerz in meiner Brust“, sagt er. „Das Foto zeigte etwas, das uns als gesamte Menschheit angeht.“ Ein Plädoyer für Empathie.

Holanda engagiert sich auch sozial, gibt Musikworkshops für Kinder in den Favelas von Rio de Janeiro. Er ist überzeugt, dass ein Instrument zu spielen „dabei helfen kann, eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln“. Ohnehin aber sei es in Brasilien ein Muss, Musik zu machen. Was bleibe denn sonst? Die Politik korrupt, die Wirtschaft in der Krise, der Fußball 1:7, die Gesellschaft polarisiert.

„Die Sambarunde ist das letzte Gemeinschaftserlebnis, das wir noch haben. Die Fahne Brasiliens müsste aus Musik bestehen“, sagt Hamilton de Holanda. In jedem Fall hat er ihr seine unverwechselbaren Klangfarben hinzugefügt.

Hamilton de Holanda spielt am 10. und 11. Juli im Berliner A-Trane in der Pestalozzistraße 105, jeweils um 21 Uhr

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