Kultur : Manege der Hoffnungen

Die Choreografin Helena Waldmann swingt mit ihrem „GlückStück“ im Radialsystem.

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Eine kleine Manege steht auf der Bühne des Radialsystems. Mit dem goldbesetzten Vorhang, den Lamettafransen sieht sie aus wie eine riesige Weihnachtgeschenkschatulle. Vielleicht hat Helena Waldmann ihr neues Stück tatsächlich als ein Geschenk an die vom Adventshopping gestressten Zuschauer gedacht. Zuletzt sorgte sie mit „Revolver besorgen“, einem Stück über Demenz und Vergessen, für Diskussion. In „GlückStück“ legt sie zunächst eine unverschämte Leichtigkeit an den Tag. Doch der Ausgangspunkt der Choreografie war die Überlegung, warum sich in dieser Wohlstandsgesellschaft so viele Menschen „irgendwie tot“ fühlen. Einen „existenziellen Mangel an Lebendigkeit“ diagnostiziert der Philosoph Peter Strasser – das ist die Krankheit unserer Zeit.

Durchs Manegenrund traben keine bemalten Clowns, keine dressierten Ponys, vier Tänzer schlagen hier ihre Kapriolen. André Soarez stürmt als erster über das Treppchen, wie durch Knopfdruck erscheint ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. Sie müssen ausdauernd ins Publikum lächeln, die Tänzer, die hier zu wahren Heiterkeitsathleten werden. Zu Beginn der Proben hat Waldmann ihre Darsteller gefragt: „Macht Tanzen glücklich? Und wenn ja, warum erscheint der Tanz auf der Bühne so viel unglücklicher als in einem Ballsaal?“

Von DJ Jayrope hat Waldmann sich dann einen Soundtrack mit Swingmusik zusammenstellen lassen, überwiegend Bigbandsounds, aber auch recht skurrile Nummern. Von Elvis kommt das geheime Motto des Abends: „A little less conversation, a little more action.“ Was soll das ganze Gegrübel? Besser die Beine in die Hand nehmen! Die Choreografie lehnt sich bei Tänzen aus den dreißiger und vierziger Jahren an. Und so steppen und schieben und gleiten die Tänzer über die Bühne, machen X- und O-Beine, springen in einen angetäuschten Spagat, schlagen ein Rad. Bei den Tap-Dance-Andeutungen denkt man an die amerikanischen Filmrevuen mit Fred Astaire und Ginger Rogers zurück – und wird ein bisschen wehmütig. Denn Waldmann lässt nur minimalistische Varianten mit simpelsten Schritten zu, die rhythmisch oft nicht richtig zünden. Zur Swing-Seligkeit reicht es nicht. Zwar hat der Abend manchmal die Ausgelassenheit eines Kindergeburtstages. Doch das Vergnügen wird eingetrübt, mitunter wirken die Tänzer wie gedrosselt. Nur das Glück des befreiten Körpers, der alle Disziplinierung abschüttelt, vor Augen zu führen – so einfach macht Waldmann es sich nicht. Sie setzt sich auch kritisch mit all den eilfertigen Glücksversprechen auseinander, mit denen wir tagtäglich bombardiert werden.

„Das Glück kommt in 10 Minuten“, steht anfangs auf einer Leinwand zu lesen. Das Dauergrinsen verzerrt sich bei den vieren schon mal zur Fratze. Der feinnervige Koreaner Moo Kim verfällt in einen Zittertanz. Und die steppende Brit Rodemund rutscht auf dem Frohsinnsparkett aus, rappelt sich aber wieder auf, um ins Happy End zu gleiten. Alle steigern sich schließlich in eine stumme Wut oder schlottern mit den Knien, was fast schon wieder lustig ist.

Letztlich tanzen André Soares, Brit Rodemund, Moo Kim und Tobias Draeger gegen die Angst vor dem Tod an. Wir verpassen das Glück, wenn wir ihm verzweifelt hinterherlaufen – will uns Waldmann sagen. Ihren furchtlosen Entertainern sieht man aber mit Vergnügen zu.

Sandra Luzina

noch einmal heute, Sonntag, 17 Uhr

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