Kultur : Mangas mögen’s heiß

Japanische Comics haben die Kinderzimmer erobert. Jetzt inspirieren sie die Künste des Westens

Alexander Visser

„Heidi, Heidi, deine Welt sind die Berge! Heidi, Heidi, denn hier oben bist du zu Haus’.“ Viele Kinder sind mit der gejodelten Erkennungsmelodie der Trickfilmserie aus den Siebzigerjahren aufgewachsen. Dass der Film nach dem Buch Johanna Spyris jedoch nicht bei uns zu Hause ist, sondern aus Japan stammt, wissen die wenigsten. Auch andere Kinderlieblinge wie die Biene Maja, Wicki oder Pinocchio erhielten in japanischen Animés ihre heute vertrauten Gesichter mit den großen Augen.

Die japanisierten Europäer waren Vorboten einer Kinderkulturrevolution, deren Folgen Eltern zurzeit auf dem Weihnachtswunschzettel erleben: Mangas und Animés, die Comics und Zeichentrickserien aus Japan sowie passende Produkte vom T-Shirt bis zum Sammelkartenset stehen oft ganz oben. Pokémon und Dragonball aus Japan haben Superman, Tim und Struppi aus den Kinderzimmern vertrieben. Doch Mangas sind schon längst nicht nur Massenkultur für Kids, die Ästhetik der dynamischen Zeichnungen ist ein universelles Pop-Phänomen, mit dessen Elementen Künstler, Video-Produzenten und Filmemacher auf der ganzen Welt spielen. Sie schaffen eine idyllische Kinderwelt niedlicher, giggelnder Wesen mit großen Augen – in die die Lolitasex- und Gewaltfantasien der Erwachsenen einbrechen.

So hat Kultregisseur Quentin Tarantino in seinem neuem Kinofilm „Kill Bill“ eine besonders blutrünstige Szene als Animé in Japan produzieren lassen: die Geschichte der Rache eines Mädchens, dessen Eltern von einem Mafiaboss ermordet wurden. Sie lockt den Alten in die tödliche Falle, indem sie sich ihm als Lustobjekt anbietet. Auch andere Kill-Bill-Figuren entstammen der Mangawelt, wie Go-go Yubari, das unscheinbar wirkende Mädchen in Schuluniform, das sich in eine Kampfmaschine verwandelt. Volksbühnen-Chef Frank Castorf zeigt Animé-Szenen in seiner „Forever Young“-Inszenierung nach Tennessee Williams’ „Süßer Vogel Jugend“. Kürzlich zog diese Bilderwelt in einen Hort europäischer Hochkultur wie der Staatsoper Unter den Linden ein: Doris Dörrie inszenierte „Turandot“ im Manga-Stil, die Titelheldin kämpfte sich mit Plüschteddy und Samuraischwert durch die Handlung.

Bereits 1814 prägte der legendäre Holzschnittkünstler Katsushika Hokusai den Begriff Manga aus den Zeichen „man“ für „komisch, spontan“ und „ga“ für „Bild“. Heute werden jährlich rund zwei Milliarden der schwarz-weiß gedruckten Manga-Magazine und Bücher gedruckt. Das sind fast 40 Prozent aller gedruckten Werke in Japan. Es gibt wöchentlich erscheinende Serien für Mädchen, Jungen, Senioren oder „Office Ladys“, die mit romantischem Kitsch und expliziter Erotik gelockt werden. Noch besser verkaufen sich Porno-Mangas für Erwachsene. Sachbuch-Mangas führen in die europäische Kunstgeschichte ein und auf den Displays von Geldautomaten bedanken sich animierte Geishas für die erfolgte Transaktion.

Die Vielfalt bedient jede Zielgruppe. So schaffen Hefte für die Altersgruppe ab sechs Jahren mit ihren großäugigen, naiv wirkenden Figuren eine freundliche, verniedlichte Bilderwelt, die Geborgenheit vermittelt. Für ältere Mädchen stehen romantische Motive, für Jungen Action im Vordergrund. Wichtigster Erfolgsfaktor ist, dass sie die Kinder in ihrer normalen Lebenswelt abholen und dann in Fantasiewelten entführen: Die Abenteuer beginnen oft in Schul- und Familien-Situationen und verlagern sich dann in von Drachen besiedelte Märchenreiche, auf Raumstationen oder ins Japan der Samurai. Die Geschichten leben auch vom Spiel mit Rollenmustern: Auch Mädchen können kampferprobte Heldinnen sein, nur geraten sie dann meist in Gefahren, aus der sie nur ein süßer Traumprinz retten kann. Früher haben Mädchen in Deutschland kaum Comics gelesen, doch Mangas dieser Strickart, wie „Sailor Moon“, waren ein Riesenerfolg.

Mangas sind viel dynamischer gezeichnet als etwa die gallischen Comic-Klassiker Asterix und Obelix und daher ansprechender für eine Generation, die im Takt von Musikvideos und Computerspielen aufwächst. Mangas sind oft vielschichtiger als westliche Comics. So gibt es keine strikte Aufteilung in Gut und Böse, Figuren können auch die Seiten wechseln. Oder das Geschlecht: In „Ranma“ verwandelt sich der gleichnamige Junge in ein Mädchen, sobald er mit kaltem Wasser in Berührung kommt. Auch Liebesgeschichten zwischen Jungen sind kein Tabu.

In den Serien ziehen meist Gruppen durch ihre Abenteuer, wie etwa bei Dragonball, der erfolgreichsten Comicserie der Welt, von der der Carlsen Verlag allein in Deutschland sechs Millionen Hefte verkauft hat. Sie bieten vielfältige Identifikationsangebote, wie die Boygroups der Popszene mit dem „Draufgänger“, dem „Schweigsamen“, dem „Verspielten“ etc. Erfolgreiche Mangas können sich durch Fortsetzungen zu Zyklen epischer Breite auswachsen, wie Katsuhiro Otomos Endzeit-Vision „Akira“. Dass sich Kids durchaus ausdauernd für Geschichten mit einer gewissen Komplexität und zahlreichen Nebenfiguren begeistern können, zeigt der anhaltende Buch- und Filmerfolg von „Herr der Ringe“.

Es gibt natürlich einen noch offensichtlicheren Grund für den Erfolg der Bildgeschichten: Im Heimatland von Walkman und Gameboy versteht man es, Exportprodukte zu vermarkten. Seit die Umsätze in Japan Anfang der neunziger Jahre stagnierten, gingen die großen Verlage daran, die Welt zu erobern. Magazine, Animé-Serien, Computerspiele und Stoffpuppen sprechen die Kids auf unterschiedlichen sinnlichen Ebenen an. Über drei Milliarden Dollar wurden allein mit Dragonball-Merchandising umgesetzt.

Bemerkenswert ist, dass bei aktuellen Animé-Serien die Reklame für Merchandising-Produkte nicht auf die Werbepause beschränkt ist: Die zur Serie passenden Spielzeuge stehen im Mittelpunkt der Handlung. Über vier Stunden lang zeigt RTL 2 jeden Nachmittag die erfolgreichsten Anime-Reihen, mit über einer halben Million Zuschauern. Bei „Beyblade“ geht es um Kids, die sich bei jeder bietenden Gelegenheit mit ihren Kampfkreiseln duellieren. Das passende High-Tech Spielzeug kann man im Spielzeugladen genauso kaufen wie die Sammelkarten, mit denen die Serienhelden von „Yu-Gi-Oh“ gegeneinander antreten.

Doch die Hypervermarktung birgt auch ein Risiko: Jenseits von 14 werden Kreisel und Sammelkarten uncool und allzu aufdringliche Dauerwerbesendungen durchschaubar. Wenn die Jugendlichen Mangas und Animé hauptsächlich mit Spielzeugwerbung assoziieren, werden sie sich von dem Genre abwenden.

Die großen deutschen Comic-Verlage spüren bereits, dass die Zeit der jährlichen Umsatzverdoppelungen dank Manga seit Ende der neunziger Jahre vorbei ist. Egmont-Ehapa rechnet noch mit einem Plus von 20 bis 30 Prozent, Carlsen Comics erwartet nach einem Rekordergebnis im Vorjahr 2003 leichte Umsatzrückgänge. Mit anspruchsvollen Manga-Formaten, wie dem packenden Thriller „Monster“, hoffen die Verlage, älter werdende Teenager als Leser binden zu können.

Unabhängig vom kommerziellen Erfolg künftiger Zeichentrickserien hat sich die Bildersprache der Mangas weltweit etabliert. Manche Eltern sorgen sich schon, dass nicht alles, was als Manga daherkommt, jugendfrei ist. Aber das kennen wir ja aus den klassischen deutschen Märchen: Die kannibalistische Hexe aus „Hänsel und Gretel“ ist eigentlich auch nichts für Kinder.

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