Kultur : Mangel an Sommer und Jazz

GÜNTHER HUESMANN

Fast wäre nichts daraus geworden. Um ein Haar wäre eine unserer meistgeliebten Sommer-Jazzreihen, das "Jazz in July" im Quasimodo, den Bach runtergegangen. Das hat nun weniger etwas damit zu tun, daß das Interesse beim Club-Besitzer Giorgio Carioti erschlafft wäre. Es liegt einfach daran, daß sich das Jazz-Umfeld in den letzten Jahren dramatisch verändert hat. Jene Stars des Jazz, die bereit sind in harter Untertagearbeit durch die Clubs zu tingeln, werden immer rarer. Jazzer richten ihren Spielplan immer öfter danach aus, daß ein einziger Festival-Gig dieselbe Gage bringen kann wie eine Monats-Tour durch die Clubs. Übelnehmen kann man ihnen das nicht. Jazzmusiker sind nun mal keine Masochisten.

Seit sich aber das Karussell der Sommer-Jazz-Festivals immer schneller dreht, wird die Lage für die Jazz-Clubs brenzliger. Ihnen bleibt nur das Hoffen auf die "off days". So nennt man die spielschwachen Tage von Jazztourneen, an denen Stars zu "Schnäppchen"-Preise auch für Clubs zu haben sind. Das Warten auf diese Gelegenheit - eine wahre Zitterpartie, ein Poker-Spiel. Wie gut, daß man im Quasimodo die Nerven behalten hat und, wenn auch mit Ach und Krach, ein reduziertes Jazz-in-July-Programm zustande bekommen hat.

Allein der Auftakt bringt nicht nur Blues-Freunde in Verzückung: der Sänger und Dobro-Spieler Taj Mahal erinnert mit seiner Hula Blues Band daran, daß der Blues kein eingeschlossener Stil-Pferch ist, sondern dem Jazz und dem Rock den "open spirit" in die Wiege gelegt hat. Umgeben von drei Ukulele-Spielern und einer weinenden Hawai-Gitarre phrasiert Mahal wieder einmal ohne jede Engstirnigkeit, gleichwohl mit archaischer Energie. Im Doppel-Pack am Dienstag und Mittwoch mit Mahal zu erleben: die afro-amerikanische Klangarchäologie von Linda Tillery & The Cultural Heritage Choir, die im vierstimmigen, von Perkussion und Fußstampfen begleiteten Gesang Kontakt zu den Besessenheits- und Tranceliedern aufnimmt, zu den work songs und ring shouts der frühen afrikanisch-amerikanischen Musik. Die Wurzeln des Blues, für zwei Tage liegen sie in der Kantstraße. Ab 22 Uhr kann jeder danach suchen.

Der in Berlin lebende Gitarrist Jean-Paul Bourelly amerikanischer Herkunft wird so penetrant mit Jimi Hendrix-Vergleichen belegt, daß man darauf hinweisen muß: Bourelly spielt Harmonien, die Hendrix niemals gefunden hat. Und Bourelly schwelgt in bitonalen Abenteuern und metrischen Waghalsigkeiten, von denen Hendrix nur träumen konnte. Natürlich beginnt Bourellys Gitarren-Vokabular beim allmächtigen Jimi. Aber all die Hendrix-Attribute mit denen man ihn adeln will ("Hendrix der neunziger", "Hendrix goes M-Base" etc.) verfehlen die Originalität, mit der Bourelly seinen ambitionierten Avant-Funk vorantreibt. Von seinem Trio am Samstag jedenfalls könnte die Berliner Szene einiges lernen: wie man Musik mit "powerful energy" auflädt. Die holden Tugenden des Mainstream-Pianos wird Pianist Benny Green am Sonntag hochhalten. Dessen kristallscharfer Anschlag und seine perlenden Läufe haben selbst den Brachial-Swinger Oscar Peterson zum Fan gemacht. Peterson hält Green für seinen einzigen legitimen improvisierenden Nachlaßverwalter.

Doch es ist eine auffallend abgspeckte Jazz-in-July-Version. Was waren das noch für Zeiten, als uns das Quasimodo an 18 aufeinander folgenden Tagen mit jeweils einem Jazz-Star beglückte. In diesem Jahr müssen wir uns mit der Hälfte begnügen. Zum Vorwurf kann man es Giorgio Carioti nicht machen. Vom Idealismus allein kann kein privater Jazzclub leben. Dem Image des Quasimodo hat es nicht geschadet, in der Königsklasse internationaler Clubs mitzuspielen.

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