Kultur : Manhattan in Mailand

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Von Henning Klüver

Selten hat sich Mailand so amerikanisch gegeben wie in diesem Sommer. In den Innenhöfen des Palazzo Reale, der sich mit rund 20 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu einem großen europäischen Museumspol entwickelt, klingt noch bis Mitte August täglich der „Manhatten Sound“ von verschiedenen US-Jazzgruppen. Und wenn die Musiker gegen zehn Uhr abends von der Bühne gehen, beginnt die Kinosession mit „New York Big Set“ - Kultmovies von Coopers „King Kong“ bis zur Voraufführung von Scorses „Gangs of New York".

Im neoklassizistischen Palazzo selbst kann man täglich bis 23 Uhr die große Ausstellung „New York Renaissance“ sehen. Rund 93 Exponate aus dem Whitney Museum of American Art - Bilder von Edward Hopper, Keith Haring oder Jasper Johns, Skulpturen und Objekte von Claes Oldenburg, Louise Bourgeois oder Bruce Nauman - geben noch bis zum 15. September einen gelungenen Überblick über die amerikanische Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Liebling der Mailänder ist allerdings Marilyn, die ebenfalls im Palazzo Reale in einer ihrer schönsten Fotoserien zu sehen ist, die der blutjunge Kanadier Douglas Kirkland von ihr für ein Sonderheft von „Look“ im November 1961 in einem Fotostudio von Hollywood aufgenommen hatte.

Kirkland war damals nicht mehr als ein viel versprechender Nobody, Marilyn Monroe war bereits Legende. Nach den ersten Schüssen schickte sie ihre Entourage und den Fotoassistenten aus dem Zimmer: „Lasst mich mit diesem Jungen allein.“ Mit nur einem weißen Seidentuch bekleidet zeigt sie auf diesen Bildern knapp ein halbes Jahr vor ihrem selbstherbeigeführten Tod eine jugendlich feminine Ausstrahlung, die nicht nur den Fotografen selbst heute noch frappiert. Einzelne Fotos sind seit damals immer wieder um die Welt gegangen, im Palazzo Reale wird jetzt jedoch zum ersten Mal die ganze Serie von 56 Fotos zum Teil großformatig zusammen mit schwarzweißen Aufnahmen der Backstage unter dem Titel „Eine Nacht mit Marilyn“ ausgestellt (bis 1. September).

Bella Italia

Wer dazu ein Kontrastprogramm sucht, kommt im ersten Stock bei einer Ausstellung über den Neoklassizismus in Italien (Untertitel „Von Tiepolo bis Canova") auf seine Kosten (bis 28. Juli). Dem anregenden Parcours von 450 Exponaten rund um die Arbeiten von Andrea Appiani, Angelika Kauffmann, Anton Raphael Mengs oder Jacques-Louis David und quer zu den italienischen Fürstenhöfen in Turin, Mailand, Parma, Florenz, Rom oder Neapel kann man eigentlich nur vorwerfen, dass er im Jahr 1800 aufhört, als der Neoklassiszismus auch in Italien unter Napoleon zu seiner Blütezeit ansetzte. Wem das an Kunst immer noch nicht genug ist, sieht im Nebenflügel des Palazzo eine Ausstellung mit flämischer und holländischer Malerei aus lombardischen Sammlungen (bis 18. August). Und im Arengario, einem Anbau aus der Mussolinizeit, wo Fotos von Robert Capa (bis 8. September) gezeigt werden, geht es zurück nach Amerika.

Jazz, Kino und fünf Ausstellungen gleichzeitig - so viel Kultur gab es im Palazzo Reale noch nie. Jahrzehntelang durfte der Palazzo nur eine Nebenrolle im Stadtleben spielen, nachdem er im August 1943 bei einem alliierten Bombenangriff schwer zerstört worden war. Hier direkt neben dem Dom hatte mit dem Herzogspalast vom Mittelalter an das politische Zentrum der Stadt gelegen. Nach einem Brand im berühmten, ganz aus Holz gebauten Teatro Ducale, in dem noch der junge Wolfgang Amadeus Mozart auftreten konnte, ordnete Kaiserin Maria Theresia 1781 den Umbau des Palazzo an (sowie die Ausgliederung und den Neubau des Theaters an der Piazza della Scala). Giuseppe Piermarini schuf damals einen der schönsten neoklassizistischen Herrschaftssitze Europas, der vom Herzogs- zum Königspalast mutierte, als Mailand unter Napoleon Hauptstadt eines lombardisch-venetischen Königreiches wurde.

In Schutt und Asche

Von der Herrlichkeit haben die Bomben des zweiten Weltkrieges wenig gelassen, Spuren sind jetzt in einigen restaurierten und gobelingeschmückten Räumen zu entdecken, in denen demnächst ein „Museo della Reggia“ (Palastmuseum) eingerichtet werden soll, zu dem es bereits einen prächtigen Bildband (Skira Editore) gibt.

Seit 1980, aber besonders in den vergangenen Jahren hat die Mailänder Stadtverwaltung konsequent den Ausbau des Palazzo Reale (Gesamtkosten rund 50 Millionen Euro) betrieben. In einer letzten Phase wird bis 2005 in den Räumen des zweiten Geschosses ein „Museo del Novecento“ (Museum des 20. Jahrhunderts) entstehen, dass alle städtischen Sammlungen mit dem Kernstück um die futuristischen Malerei zusammenführen soll, die zurzeit nur teilweise und an verschiedenen Orten zugänglich sind. Dann werden auch die Fassaden restauriert und die Höfe gestrichen, die im Augenblick noch einen eher kümmerlichen Eindruck machen. Aber Understatement war schon immer eine ganz unitalienische Mailänder Qualität.

Bevor es zum Außenputz kommt, bereitet man sich im Palazzo auf die Herbst- und Wintersaison vor. Und da zeigt sich, dass es nicht nur genügt, für die Kunst Infrastrukturen zu schaffen, sondern auch Ideen und Geld da sein müssen, um diese Räume zu bespielen. Die künstlerische Leitung des Ausstellungsprogramms liegt bei Flavio Caroli, einem Mailänder Kunsthistoriker eher aus der zweiten Reihe, der allerdings in den vergangenen Jahren mit einigen Ausstellungen zum Beispiel über die lombardische Renaissance im 16. Jahrhundert oder über Picasso Privatsammlung Publikumserfolge feiern konnte.

Die kommende Hauptausstellung im Palazzo Reale heißt „Il mondo nuovo“ (Die neue Welt). Doch diesmal geht es nicht um Amerika, sondern um die Kulturgeschichte von Mailand selbst, das zwischen 1890 und 1915 zu der wirtschaftlichen und kulturellen Metropole wurde, die heute in Italien wieder den Ton angeben möchte. Was die Ausstellungen angeht, müssen wir wohl nach dem Feuerwerk in diesem Sommer auf den nächsten warten.

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