Kultur : Manieren sind Glückssache

Die ganz andere Bibliothek: Wer hat das Benimm-Buch des Prinzen geschrieben? Und warum muss die „Anonyma“ anonym bleiben?

Katharina Rutschky

Ganz zu Recht sind der Eichborn Verlag und der Herausgeber der Anderen Bibliothek, Hans Magnus Enzensberger, überall für das „Gutachten“ gerügt worden, das sie im Fall der „Anonyma“ bei Walter Kempowski in Auftrag gegeben haben. Das Gutachten bestätigte, was nie bezweifelt worden war, dass nämlich das Buch über die letzten Kriegstage in Berlin und die ersten Wochen seit der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee auf echten Notizen einer wirklichen Frau beruhte. Unklar war und bleibt bis heute, warum die Tagebuchschreiberin auch fast sechzig Jahre nach den Ereignissen und bis über ihren eigenen Tod hinaus noch genauso anonym bleiben musste wie zur Zeit der Erstveröffentlichung in den Fünfzigerjahren. Weil das Opfer vieler Vergewaltigungen sich schämen muss und nicht die Täter? Da hat der Feminismus doch die Dinge endlich gerade gerückt. Oder weil die Anonyma, wie Jens Bisky uns gezeigt hat, eine Journalistin war, die die Nazi-Journaillen gut bedient hatte und im Kalten Krieg, als das Buch auf Englisch ja zuerst erschienen ist, nicht genannt werden konnte? Vielleicht war Sympathiewerbung für die Deutschen und das Gegenteil für die Russen beabsichtigt? Oder trat die Autorin zurück, weil Kurt Marek an der Ausformulierung der Notizen zum Buchtext so viel Anteil hatte, dass es der Tagebuchschreiberin richtig schien, ihm das Copyright zu überlassen? Das Versprechen auf ein Nachwort demnächst wäre jedenfalls besser gewesen, als das nutzlose „Gutachten“ heute und der Ausfall des Herausgebers Enzensberger damals gegen Jens Bisky.

Und schon wieder gibt es Grund, sich über schlechtes Benehmen zu wundern. Kennern und Bewunderern des Werks von Martin Mosebach waren in dem Erfolgsbuch „Manieren“, als dessen Autor ein äthiopischer Prinz genannt wird, erstaunliche Parallelen aufgefallen. Verblüfft hörte man auf Nachfragen, dass die eigentliche Autorschaft doch ein offenes Geheimnis sei und der Frankfurter Schriftsteller Mosebach („Der Nebelfürst“) ein alter Freund des Prinzen Asfa-Wossen Asserate. Ein herrlicher Jux fanden manche, der den tristen Alltag so manches Großfeuilletonisten erfreulich belebt – zumal der Prinz nun auch noch den Chamisso-Preis erhalten soll.

Ein zynisches, wenn auch lukratives Spiel finden andere, mit der Gutgläubigkeit des Publikums, das ohne den Hype um den äthiopischen Frontmann das Buch wohl kaum zum Bestseller gemacht hätte.

Egal wie bedeutsam sein Inhalt, wie witzig der Stil: Enzensbergers Rechnung ist aufgegangen. Oder doch fast – er hat die Eitelkeit und Klatschsucht in unseren Kreisen unterschätzt, die aus einem offenen Geheimnis über kurz oder lang doch eine Nachricht machen, die nicht jeden amüsiert. Ein bisschen dumm war es allerdings, die so erhebliche Mitwirkung Martin Mosebachs an den „Manieren“ nicht wenigstens im Kleindruck aufscheinen zu lassen. Dann hätten alle, die Spaß an solchen Spielen haben, ihn ungestört genießen können. Und biedere Menschen dürften sich nicht empören.

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