Kultur : Manifest der Hühnchen

POP

Thomas Thiel

Die Protagonisten elektronischer Musik kämpfen immer mit demselben Problem: nicht unterzugehen in den abstrakten maschinellen Klangwelten, nicht nur hohle Staffage der Betriebssysteme zu sein. Melissa, Kiki und Alex von den Chicks on Speed antworten in der Berliner Volksbühne mit einem schrillen Konzept. In grellen Neon-Kostümen stürmen sie aufs Podium und setzen sich mit wildem Herumzappeln und ekstatischem Tremolieren den wummernden Elektrosounds entgegen. Sie kommen gerade noch rechtzeitig, denn die Stimmung auf der Release-Party ihrer CD „99 cent“ ist mäßig bis flau. Mit sattem Gitarrenrock von Las perras del inferno hatte die Party einen frühen Höhepunkt. Dann kommt lange nichts. Eine Violine krächzt. Eine Gitarre schabt. Das Publikum verstreut sich auf tausend Ebenen. Erst die israelitische Performance-Künstlerin Anat Ben-David bringt wieder Dynamik ins Geschehen und bereitet den Boden für den späten Auftritt der Chicks. „Are you a trash girl?“ fragen die. Und zeigen selbst, was es heißt, ein Trash-Girl zu sein. „Cheap Art“ nennen sie ihr inzwischen international salonfähiges Konzept. Es demontiert die Symbolsprache des Popkapitalismus und streut wahllos subversive Botschaften ins Publikum. Eine gigantische Videoleinwand fordert die Vereinigung aller Proletarier. Eine Persiflage auf die Konsumhörigkeit der „fashion victims“ gerät in gefährliche Nähe zum Berliner Publikum, das sich bedingungslos dem Konformismus des Andersseins verschrieben hat. Karnevaleske Bühnenszenen, ein Fest der Beliebigkeit.

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