Kultur : Manifest des Lärms

Die Arctic Monkeys werden mit ihrem neuen Album „Favourite Worst Nightmare“ noch lauter

Christian Schröder

Es beginnt mit dem Stampfen eines Schlagzeugs, in das ein schnarrend verzerrter Bass einbricht, und endet mit hallenden Westerngitarrenakkorden, die sich ins Nichts auflösen. Dazwischen liegen zwölf Songs und knapp 38 Minuten. „Favourite Worst Nightmare“, das neue Album der Arctic Monkeys, ist ein Manifest des Lärms. Ihr Debüt „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“, das mit 364 000 verkauften Exemplaren allein in der ersten Woche sämtliche Beatles-, Stones und Oasis-Rekorde in der britischen Hitparade brach, war laut und schnell. Aber die neue Platte, die am Freitag in die Läden kommt, ist noch lauter und noch schneller. Schönerer Krach war seit 15 Jahren, seit dem Grungerock der frühen Nirvana, Mudhoney und Dinosaur Jr. nicht mehr zu hören.

„Some want to kiss some want to kick you / There’s not a net you couldn’t slip through“, nölt Sänger Alex Turner im Eröffnungsstück „Brianstorm“, der ersten Singleauskopplung. Seine Stimme wird von einem Vocoder zerfranst, die Gitarren dengeln nervös, eine Orgel quietscht. Einige wollen dich küssen, andere treten. Man muss beweglich bleiben, um ihren Nachstellungen zu entkommen. Das klingt wie die Quintessenz aus dem monströsen Erfolg, der seit der Veröffentlichung von „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ – ein clever gewähltes Zitat aus einem Richard-Burton-Film – in den letzten anderthalb Jahren auf die Band aus der nordenglischen Stahlarbeiterstadt Sheffield eingestürzt ist. Das Album machte die vier Musiker, damals im Schnitt gerade einmal 19 Jahre alt, über Nacht zu Superstars und Nationalhelden. Selbst Schatzkanzler Gordon Brown, designierter nächster Premierminister des Vereinigten Königreichs, bekannte, morgens auf seinem iPod die Arctic Monkeys zu hören, um „richtig wach zu werden“.

„Brianstorm“ handelt von einem Trittbrettfahrer des Ruhms, einem Angeber namens Brian, der eine Krawatte zum T-Shirt trägt, sich wichtigtuerisch in die Nähe der Band drängt und dafür von der Band verhöhnt wird: „See you later, innovator“. Worauf es ankommt im Leben, so singt Turner weiter, sei, sich seinen „thunder“, den Donner, nicht stehlen zu lassen. Dazu sägen und rasen die Gitarren in irrwitzig synkopierten Rhythmen. Die bittere Hymne „Fluorescent Adolescent“, erfüllt von reggaeartigem Schunkeln, porträtiert eine verblühte Schönheit, die ihren Träumen und dem Boyfriend hinterhertrauert: „The best you ever had / Is just a memory and those dreams.“ Auch das verhalten beginnende, dann energisch aufschäumende „Do Me A Favour“, ein Höhepunkt der Platte, erzählt von Liebestod und Abschiednehmen: „You could see that we cried, and I watched and I waited / Til she was inside, forcing a smile and waving goodbye.“

Die Texte von „Favourite Worst Nightmare“, die bis auf zwei alle von Alex Turner stammen, sind ironische, manchmal böse Geschichten vom Groß- und Starkwerden. Ihre Atmosphäre kippt schnell ins Klaustrophobische, tatsächlich Albtraumhafte. Bei „Whatever People Say“ ging es noch um die Euphorien des Nachtlebens, „Fake Tales of San Francisco“ hieß ein Song, in dem die Arctic Monkeys über Bands spotteten, mit denen sie in Pubs aufgetreten waren, „Wochenend-Rockstars“, die sich einen amerikanischen Akzent antrainiert hatten, aber nicht aus New York, sondern aus Rotherham stammten, einem Vorort von Sheffield.

Die Songs der Arctic Monkeys, das beglaubigt schon der rollende Yorkshire-Akzent ihres Sängers, sind tief im rauen Proletarieruniversum von Sheffield verwurzelt, einer Stadt, die bereits Joe Cocker, The Human League, Heaven 17 und Pulp hervorbrachte. Aber die Lektionen aus dem adoleszenten Leben, die sie erteilen, gelten natürlich auch in Tokio, Boston oder Düsseldorf. Es ist diese Mischung aus Lokalgeist und Universalismus, die – neben ihren mitreißenden Melodien und dem druckvollen Flirren der Arrangements – den weltweiten Erfolg der Band begründet haben dürfte.

Alex Turner und Jamie Cook hatten Weihnachten 2001 Gitarren von ihren Eltern geschenkt bekommen, als sie ein paar Akkorde spielen konnten, gründeten sie mit zwei Jungs aus der Nachbarschaft, dem Bassisten Andy Nicholson und dem Schlagzeuger Matt Helders, im Sommer 2002 eine Band. Die britische Popgeschichte ist voll von solchen märchenhaften Aufstiegsgeschichten, in denen picklige Schüler in glamouröse Galionsfiguren verwandelt werden. Inzwischen sind die Arctic Monkeys 21, also im allerbesten Popstaralter. So alt waren die Beatles bei „Please, Please Me“ oder – ein für die Arctic Monkeys naheliegenderer Vergleich – The Clash, als sie „London Calling“ veröffentlichten.

Revolutionäre sind Alex Turner und seine Mitstreiter – Bassist Andy Nicholson wurde im letzten Sommer gegen Nick O’Malley ausgetauscht – ohnehin. Mit „Whatever People Say“ warfen sie alle bis dahin geltenden Marketingregeln der Musikbranche über den Haufen. Ihre Songs, als Demos von Fans bei „MySpace“ platziert, waren bereits millionenfach aus dem Internet heruntergeladen worden, als die Band noch keinen Plattenvertrag besaß. Die Arctic Monkeys füllten auch ohne CD-Veröffentlichung die größten englischen Konzertsäle, der „Guardian“ feierte sie als „erste Download-Superstars“. Der Rummel war so gewaltig, dass sich für die Gruppe anschließend leicht ein Loch hätte auftun können, in dem sie für immer verschwunden wären. Doch mit „Favourite Worst Nightmare“ beweisen die Arctic Monkeys ihre musikalische Substanz. Im tosenden Lärm hat die Band sogar noch genug Luft für eine Atempause.„Only Ones Who Know“ heißt ihre allererste Ballade, ein entrücktes Sehnsuchtsstück mit sanft knarzender Steelguitar. Ein Traum.

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