Kultur : Manische Güte

SUSANNE MESSMER

Er ist der Seemann.Seine Arme sind tätowiert und so muskulös wie die von Meister Propper.Und er quasselt sofort los, aus allen Löchern.Die altmodische Kunst des Erzählens ist es, die sich Henry Rollins angeeignet hat, und weil er sich für den Typ des Weitgereisten entschieden hat, bringt er die Kunde von der Ferne nach Hause, an diesem Abend also in die Passionskirche nach Berlin.Und es ist der Bericht aus Schweden, wo er gestern noch gewesen sei, mit dem er den Abend eröffnet.

"Um halb drei nachmittags geht dort die Sonne unter", erzählt Rollins."Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die da so komisch sprechen.Irgendwie müssen sie sich die langen Abende ja vertreiben." Diesen langen Abend, fast drei Stunden ununterbrochenen Redens, bestreitet Rollins aus dem Kopf.Ein Alibimanuskript liegt unbeachtet in der Ecke.Er erzählt, schreit, poltert, grunzt und ulkt in einem fort von seinen Tourneen mit seiner Gruppe Black Flag und später der Rollins Band durch Asien und Afrika, nach Australien und Europa, durch eine Welt, in der er sich zurecht findet, ohne sich zu tief mit ihr einzulassen.Eine Anekdote schließt sich an die andere an, und nie, wirklich nie wird es auch nur im Geringsten langweilig.Und das liegt natürlich am Charme diese Muskelpakets, dieses Energiebündels.Alles, was er erzählt, ist authentisch, und folglich ist er auch glaubwürdig, wenn er sich über sich selbst lustig macht.Seine Zuhörer sitzen selbstvergessen auf den schmalen Kirchenbänken und es fehlte nur noch, daß ihnen der Unterkiefer herunterfällt: Mal erzählt Rollins von seinen Schwierigkeiten, die er beim Dreh eines Films hatte, als er sich nackt ausziehen sollte.Mal davon, wie er in einem Hotelzimmer von einer Frau träumte, die ihn erstechen wollte, woraufhin er aufwachte und tatsächlich eine Frau an seiner Tür klopfte.Erst später stellte sich heraus, daß er durch seine Angstschreie das erste Groupie seiner Musikerkarriere vergrault hatte.

Neben der klassischen Rolle des Erzählers ist es auch die Rolle des Schweinerockers mit weichem Kern, die man an Rollins genüßlich studieren kann.Wie aus dem Bilderbuch plaudert er von den harten Anfängen als Sänger in einer Punkband, als er manchmal nicht mehr wußte, wo er sich noch durchfüttern lassen sollte.Daß er sich nie trauen würde, sein alternatives und politisch korrektes Publikum mit "Hello, Berlin!" zu begrüßen.Daß Rollins keine Drogen nimmt, keine Familie hat und erst kürzlich seine spartanische Pritsche gegen ein schönes, breites Bett eintauschte, müßte er eigentlich nicht mehr erwähnen.Doch scheint das unverzichtbar, um die unvermeidliche Tellerwäscher-Moralpackung einzuleiten, den guten, naiven und bezaubernden Ratschlag des erprobten Haudegens an sein Publikum, der sinngemäß wie folgt lautet: "Langweilt euch nie! Seid wie ich, manische Workoholics, arbeitet an eurem Innenleben und haltet die Augen offen für diese schöne, unerschöpfliche Welt!"

Das gehört einfach dazu.Ebenso, wie es zu diesem Modell gehört, sich als armes, amerikanisches Heidenkind geldgieriger Eltern darzustellen, das nie was mit den Bildern von Maria anfangen konnte, auf denen sie ihr Kind ansieht, als wollte sie sagen: "How the fuck could this happen?" So fügen sich die Dinge, und als gegen Ende an diesem heiligen Ort auch noch der Feueralarm ausgelöst wird, wirkt auch das wie bestellt.

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