Kultur : Mann schreibt, Frau putzt

Einblick in ein fremdes Universum: „Du hast gesagt, dass du mich liebst“, der neue Film von Rudolf Thome

Jan Schulz-Ojala

Im Presseheft erlaubt der Berliner Produzent, Regisseur und Drehbuchautor Rudolf Thome einen Blick in seine Werkstatt. Seit 18 Jahren, mithin bei der Hälfte seiner bislang 24 Kinofilme, arbeite er beim Schreiben nach dem immerselben Prinzip: „Ich setze mich hin, achtundzwanzig Tage, mache zehn Tage handschriftliche Notizen, am elften Tag fange ich an, das Drehbuch zu schreiben und am achtundzwanzigsten Tag bin ich fertig.“ Ist das imponierend? Oder ein bisschen kurios? Oder, als arg repetitives Exerzitium, gar absonderlich?

Vor allem kündet das Prinzip solcher Kreativ-Stechuhr nach dem Mondeslauf von einem sich selbst genügenden Universum – und tatsächlich ist das Werk des Rudolf Thome, geboren 1939, mit den Jahren reichlich hermetisch geworden. Immer mehr Zuschauer haben sich kategorisch von seinen Filmen abgewendet – kurioserweise vor allem Frauen, denen sein Einfühlungsvermögen doch ausdrücklich gelten soll; und spätestens seit „Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan“ (1997) tut es wohl Not, sich zum eigenartigen Genuss neuer Werke des unermüdlichen Filmemachers ganz von anderen Wahrnehmungsplaneten abzustoßen. Die Dialoge, die Situationen mitunter himmelschreiender Kitsch? Das Männer- und vor allem das Frauenbild hoffnungslos antiquiert? Aber ja. Aber eben: Kategorien von anderswo.

Zum dritten Mal nach „Rot und Blau“ (2002) und „Frau fährt, Mann schläft“ (2003) spielt Hannelore Elsner die Hauptrolle in einem Thome-Film; diese nun ist ihre verletzlichste, intimste, allerdings auch pathetisch gefühlsseligste. Elsner gibt die geschiedene, frisch pensionierte Schwimmtrainerin Johanna Perl, die sich – einem ihrer zahlreichen Zwiegespräche mit Gott folgend – plötzlich nicht mehr auf den Tod vorbereitet, sondern auf eine Kontaktanzeige reagiert. So begegnet sie dem brotlosen Romancier Johannes Kreuzberger (zum fünften Mal in einem Thome-Film: Johannes Herrschmann), der eine „Heilige und Hure“ sucht – und nicht lange nach dem ersten Rendezvous, bei dem er fürs Rosenbukett gar seine Uhr im Pfandhaus hat versetzen müssen, zieht der hagere, hochgewachsene Mittvierziger bei ihr ein. Schon schenkt sie ihm einen Laptop, schneidet artig die Gartenhecke, damit er mehr Licht beim Dichten hat und putzt hingebungsvoll seinen Fußboden. Die Folge: Der so vielfach Beglückte verfasst wie entfesselt den Roman „Du hast gesagt, dass du mich liebst“ – und das Buch wird, nicht zuletzt dank inständiger Gebete Johannas, ein Erfolg.

Dieser Film ist ein merkwürdiges Märchen für Erwachsene. Mit viel VoiceOver, von Hannelore Elsner in stereotyp hohem Ton dargebracht. Mit einer durchgängig und durchdringend perlenden Klavier-Improvisation (Katia Tschemberdij). Nur einmal erlebt der Zuschauer den Angriff der Wirklichkeit auf das übrige Raunen: als Johannes mit einer Journalistin, die ihm einen Verlagskontakt nach Paris vermittelt, für zwei Wochen verschwindet und die Affäre Johanna gegenüber kühl als bloß karrierefördernd herunterspielt. Johanna schafft es immerhin, den Fremdgänger rauszuschmeißen, um sich fortan umso heftiger nach ihm zu verzehren. Erst eine siebentägige Selbstkasteiungs-Fastenkur, die ihr – tatsächlich! – ein mit Johannes’ Stimme sprechender Baum empfiehlt, führt den Abtrünnigen zurück. Und bald läuft das Paar in den Hafen ewigen Ehefriedens ein, der Lebensabendsonne entgegen.

Wie mit alledem umgehen, das sich selbst so rettungslos ernst nimmt? Ironie schlägt seltsam fehl, schließlich verfolgt der immer wieder mal als deutscher Rohmer gepriesene Regisseur – „Je älter ich werde, desto mutiger werde ich“ – sehr bewusst einen höchst einzelgängerischen Weg. Unerhört feierlich, mal geradlinig fromm, mal eher laizistisch lyrisch, ist diesmal der Thome’sche Grundton geraten; nur für schrille Augenblicke biegt er, als sei er denn doch süchtig nach dem Sauerstoff lebenswirklicher Widersprüchlichkeit, unvermutet ins Irdische, ja Grobschlächtige ab.

Und doch: Man möchte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Rudolf Thome, der einst „Rote Sonne“ (1970) erfand und „Berlin, Chamissoplatz“ (1980), leichte, wunderbar verquere Parabeln auf das wildeste Jahrzehnt der Bundesrepublik, dreht sich in seinen Filmen nur noch um sich selbst – Prediger einer Gemeinde, in der der Mann das Sagen hat, auch wenn er schweigt. In der die Frauen zwar zum Schein vergöttert werden, Hauptsache, sie sind dem Pascha am Ende untertan. Und in der die – wie zum penetranten Generationenbeleg mitinszenierten – erwachsenen Kinder einen seltsam linearen Frieden mit derlei archaischen Vorstellungen schließen. Doch klein geworden ist diese Gemeinde. Ziemlich klein.

In Berlin nur im Broadway

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