Kultur : Mann und Maus

Naturschutz als Artenkiller: Der Publizist Josef Reichholf attackiert die Verbotskultur

Lutz Herrschaft

Wie stellt man sich einen „Querdenker“ vor? Medientauglich, klar. Aber das reicht nicht. Sein Biotop ist der gesellschaftliche Konsens. Aber worüber herrscht heute noch Einigkeit? Folglich ist der Querdenker vom Aussterben bedroht. Ein Thema gibt es freilich noch, das uns allen am Herzen liegt: die Natur. Gut zweieinhalb Jahrtausende hat man sie negativ bestimmt – als das, was nicht menschliche Setzung, Wille, Gnade, Kultur ist. Heute jedoch haben wir einen positiven Begriff von der Natur: Seit rund dreißig Jahren ist sie das Bedrohte. Nun ist nicht jedes Bedrohte schützenswert, aber die Natur ist es. Auch den folgenden Sätzen würden die meisten zustimmen: Naturschutz ist auch Artenschutz. Das, wovor die Natur geschützt werden muss, ist der Mensch. Wir bringen die Natur aus dem Gleichgewicht.

Viele Biologen urteilen differenzierter, aber wer liest schon akademische Abhandlungen? Josef H. Reichholfs Bücher hingegen werden gelesen. „Die Zukunft der Arten“ ist unlängst im Verlag C. H. Beck erschienen, „Der Tanz um das Goldene Kalb“ und „Die falschen Propheten – Unsere Lust an Katastrophen“ erschien zuvor bei Wagenbach. Der Mann kann argumentieren und vergisst nur selten, das empirische Fundament seiner Thesen mitzuliefern. In „Die Zukunft der Arten“ fragt Reichholf: Was taugt Naturschutz überhaupt? Der Konsens über das Bedrohte hat Umweltministerien, EU-Richtlinien, medientaktisch gewiefte NGOs und eine deutsche Regierungspartei hervorgebracht. Und die Roten Listen der Tier- und Pflanzenarten werden immer länger.

Wie stellt man sich einen Artenkiller vor? Er baut Straßen und Flughäfen, brettert mit dem Mountainbike durch den Schwarzwald und mit dem Kanu über die Isar. Er sammelt Raupen oder Kaulquappen, um daheim die Metamorphose zu begaffen. Und wenn’s dort die dicksten Pilze und Blaubeeren gibt, dringt er sogar in die Kernzone eines Nationalparks ein.

Schmarrn, sagt Reichholf mit bayerischem Charme. Und „Sauerei“, als er den Stacheldraht bemerkt, den die Stadt Frankfurt um ein Landschaftsschutzgebiet gezogen hat. Er gibt dem Fernsehen gerade eines seiner vielen Interviews, diesmal am artenreichen Stadtrand der hessischen Metropole, mit den Bankentürmen im Hintergrund. Nein, sagt er, die schlimmsten Artenkiller schaffen zuerst maschinengerechte Wüsten und überschütten sie dann mit Gülle. Auf den überdüngten Böden wächst nur noch, was Stickstoff in hoher Dosierung verträgt. Alles andere verreckt. Die industrielle Landwirtschaft sei das größte Problem für die Artenvielfalt.

Die drittschlimmsten Artenkiller seien die Jäger. Wenn Tiere scheu werden und sich nach Tschechien oder ins Elsass verdrücken, dann dank der Ballerei. Sogar in Schutzgebieten gelten oft angestammte Rechte für Jäger. Und deshalb sollte, wer möglichst viele Tiere sehen will, in Großstädten suchen. Die sind vielfältiger strukturiert als ländliche Mais- oder Rapswüsten, und es gibt kaum Jäger. Fast 150 Vogelarten brüten nach Reichholfs Angaben in Berlin, deutlich mehr als in flächenmäßig vergleichbaren Landkreisen.

Bauern und Jäger – die üblichen Verdächtigen. Soweit stimmen viele Naturschützer mit Reichholf überein. Fehlt noch der zweitschlimmste Artenkiller. Das sind die Naturschützer selbst, sagt Reichholf. In den Siebzigerjahren habe es begonnen. Damals habe man im Namen der Natur zigtausende bäuerlicher Kies- und Sandgruben eingeebnet. Und damit ungezählten Amphibien, Reptilien und Insekten das Grab geschaufelt. Das schlage sich bis heute in den Roten Listen nieder, sagt Reichholf. Da könnten die Naturschutzverbände noch so viele Molchbiotope anlegen. Außerdem seien unsere Gewässer mittlerweile so sauber, dass von organischem Wasserdreck lebende Arten verhungerten. Was wiederum Folgen für die Nahrungskette habe.

Der Ökologe beschreibe dies nur, das Werten sei seine Sache nicht. Wenn freilich Artenvielfalt zum gesellschaftlichen Gut erklärt werde, müsse man auch bereit sein einzugreifen, und „Natur“ gerade nicht sich selbst überlassen. So sei es etwa unsinnig, von der Vielfalt des 19. Jahrhunderts zu schwärmen, sich aber gegen damals übliche Wirtschaftsformen wie Niederwald oder Waldweide zu sperren: stark genutzte, lichte Kulturen, aber wesentlich artenreicher als ein Wald, der sich selbst überlassen bleibt.

Und, das erbost Reichholf besonders, obwohl Vielfalt erwünscht sei, sperre man die Menschen aus der Natur aus. Überall Verbote! Freilich lebe ein wucherndes Behördengestrüpp ganz gut davon, Verbote zu verwalten, meint Reichholf, selbst bayerischer Beamter in Diensten der Zoologischen Staatssammlung. Staatliche Naturschützer reagieren entsprechend unwillig, wenn sie den Namen Reichholf hören. Spätestens, seit er in den Neunzigerjahren den Warnern vor neuen „invasiven“ Tier- und Pflanzenarten „Rassismus“ vorgeworfen hatte. „Mal wieder die halbe Wahrheit“, sagt Ludwig Simon vom Landesamt für Umweltschutz und Gewerbeaufsicht in Rheinland-Pfalz. So würden etwa die Roten Listen nicht länger, weil der Naturschutz versagt hätte, sondern weil mehr erfasst werde. Und Josef Blab vom Bundesamt für Naturschutz hält nichts von Reichholfs Plädoyer für die Stadt; Städte seien „Kohlmeisenparks“, es fänden sich dort fast nur „Allerweltsarten“. Und wenn zufällig irgendwo im Tegeler Fließ „der letzte Mohikaner“ einer seltenen Art brüte, werde das medienwirksam aufgeplustert. Der Naturschutz als der zweitschlimmste Artenkiller? „Absoluter Quatsch“, sagt Josef Blab.

Wie stellt man sich einen Naturfreund vor? In einer Kahlschlagfläche kauert ein zehnjähriger Junge. Im kühlen Buchenhochwald hat er sich gelangweilt. Auf dem Boden nur ein paar Mistkäfer und immer die gleichen zwei, drei Vogelstimmen. Aber hier verwirrendes Gezwitscher. Und diese Schlingnatter, die ist besonders spannend. Ein paar Rote Waldameisen wird er mit nach Hause nehmen und natürlich die sieben bunten Raupen. Mal sehen, wie sie sich entpuppen.

So einer war Reichholf. Da gibt es etwa die Geschichte mit der Maus. Josef hatte sie in einer Falle gefangen, die Mutter sie wieder befreit. Josef hatte sie erneut gefangen, in der linken Hosentasche versteckt und war zur Schule gegangen. Das sollte funktionieren: mit links die Maus in der Hosentasche schützen, mit rechts melden und schreiben. Auf Befehl der Lehrerin musste allerdings die Hand aus der Tasche. Die Maus war frei, und die Lehrerin landete kieksend auf dem Pult.

Vielleicht sind solche Anekdoten mehr als Kolorit. Vielleicht bieten sie sich als Schlüssel zum Verständnis dessen an, was Josef Reichholf umtreibt. Es ist ein Konservatismus der Empirie: Erkenntnis und Anschaung werden beide um ihrer selbst und nicht um externer Zwecke willen geschätzt. Ein Kind, das einen Frosch zerlegt (auch das eine Reichholf’sche Jugendsünde), will wissen, wie dieses glitschig-grüne Dings funktioniert, aber es will kein Unternehmen für rationelle Vivisektion gründen. Das Gegenbild sieht nach Reichholf ungefähr so aus: ein Jugendlicher, der eine Kreuzkröte nicht von einem Laubfrosch unterscheiden kann, weil der Artenschutz verhindert, dass er jemals mit solchen Tieren in Kontakt kommt. Stattdessen träumt er von einer Karriere in der Gentechnik und schwadroniert etwas von globalem Wettbewerb und Standort daher.

Zum Vordenker eines umweltpolitischen Rollback taugt Reichholf also nicht, mag er auch gelegentlich Straßen- oder Flughafenbaumaßnahmen herunterspielen. Manche Journalisten haben in ihrer Not, Reichholf einzuordnen, die Adresse seines Arbeitsplatzes bemüht; die Zoologische Staatssammlung München residiert nämlich in der Münchhausenstraße. Die ist zwar nicht nach dem Freiherrn benannt, sondern nach einem Dorf im Umland. Dennoch, er arbeite schon in einem Institut, „wo man Narrenfreiheit hat“. Es dürfte eines der letzten Querdenkerbiotope unter staatlichem Schutz sein.

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