Kultur : Mann, wir haben das Ding nach Hause geholt!

Seeed ist Deutschlands derzeit heißeste Popband. In der Berliner Arena wird sie euphorisch gefeiert

Kai Müller

Seeed-seeed-seeed-seeed ...“, ruft die Menge, und es klingt wie das sich steigernde, fiebernde Pulsieren einer Fankurve, kurz bevor eine Ecke getreten wird. Ein Ritual. Im Fußball heißt das: Standardsituation. „Wir sind Seeed! Und das ist unser Gebiet“, stellt sich die elfköpfige Dancehall-Formation später ihrem begeisterten Publikum in der Berliner Arena vor. „Singende Caballeros auf’m bombigen Beat.“ Nötig wäre das nicht. Jeder weiß, wer sie sind. Und so wandern die Reime durch die Menge. „Einfach Seeed – boooom! Wenn sich der Nebel verzieht / Dann hörst du irgendwie von irgendwo so heiße Musik.“

Man muss sich das in rasendem Tempo gesprochen vorstellen, als eine Art Rap, in den aber von der Seite karibisches Sonnenlicht einfällt. Wummernde, brodelnde Reggae-Beats befeuern die drei Sänger bei ihren selbstironischen Reimeskapaden. In wüstem Patois, einem deutsch-jamaikanischen Kauderwelsch, erzählen sie von den Schwierigkeiten, es als Reggae-Adepten so weit gebracht zu haben, und vom Triumph, an dem nun alle gleichermaßen teilhaben. „I used to jump ’pon the riddim an mi juggle juggle/ Jolly jumper way mi a ride and mi bubble bubble/ But the people were not ready so mi struggle struggle/Mi never give up the fight mi give you double trouble.“ Alles klar?

Der Song ist schon ein paar Jahre alt. Er eröffnete 2001 Seeeds Debütplatte „New Dubby Conquerors“, ging aber ein wenig unter in der Smash-Single „Dickes B.“, mit der das multiethnische Konglomerat seine Heimatstadt Berlin besang und praktisch aus dem Nichts die Hitparaden stürmte. Zwei weitere Alben sind seither erschienen, zuletzt das im Kollektiv produzierte „Next“. Gerade erst gewannen sie Stefan Raabs Bundesvision Contest. „Mann, wir haben das Ding nach Hause geholt!“, bedankt sich denn auch Frank A. Dellé, genannt Eased, mit einem hübschen Wortspiel bei seinen Fans – „Ding“ heißt auch ihr Sieger-Song.

Der Erfolg der Truppe, die 1998 zusammenfand und vor allem als Live-Band brillant ist, steht nicht auf tönernen Füßen. Obwohl sie Tourneen nur selten absolviert und sich längere Schaffenspausen genehmigt, ist sie auf den größten Festivals präsent und hat über die Jahre eine wachsende, vor allem junge Anhängerschaft gewonnen. Für den Dub-Reggae in Deutschland sind Seeed so wichtig, wie die Fantastischen Vier es für den Hip-Hop waren. Nun steht die Band, die sich in Kreuzberg ein Studio eingerichtet hat, womöglich vor dem internationalen Durchbruch. Denn sie macht Tanzmusik und verbreitet ungetrübten Frohsinn, was im Ausland stärker geschätzt wird als hier.

„Das ist unser Gebiet“. Tatsächlich kehren Seeed an diesem Abend in die Kulissen eines ihrer Videos zurück. „Aufstehn“ ist auf der Spree gedreht worden, gleich nebenan. Mit dieser genüsslich schleppenden Morgenmantel-Hymne hebt die Band denn auch an. In metallic-roten Herrenanzügen tritt sie vor die wippende, beglückt-johlende Halle. Im Hintergrund deutet ein rot-weiß stilisierter Strahlenkranz die Sonne an.

Es folgt bestes Pop-Entertainment. Die Songs vom neuen, weniger traditionell produzierten Album mischen sich bruchlos zwischen jene Partykracher, die jeder hier auswendig kennt. „Was sind Bomben im Irak gegen deinen Granatenarsch“, lautet eine Zeile, die das leichtfüßige Lebensgefühl dieser Musik gut beschreibt. Hier geht es nicht um die Krisen in der Welt, nicht einmal um die Probleme an der nächsten Straßenecke. Alles vergessen. Auch wenn mit „Schwinger“ die Großmannssucht der Alleskönner und in „Slowlife“ das Gebeuteltsein durch Alltagsstress aufs Korn genommen wird. Nach etwas über einer Stunde ist schon (beinahe) Schluss. Länger lässt sich die permanente Klimax nicht halten.

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