Kultur : Mannomann

Philharmonie: Benefizkonzert des Bundespräsidenten

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Wenn sie sich lange genug provoziert fühlt, kann es geschehen, dass die Musik sich selbstständig macht: In die Generalpause am Ende des Adagios von Bruckners 9. Sinfonie, in diesen von Simon Rattle zelebrierten, zum Zerreißen überdehnten Moment nach dem wohl dissonantesten Fortissimo-Akkord der Spätromantik, verirrt sich ein einzelner Geigenton, kurz nur, verschreckt und leise, aber doch so, als sagte da einer: Ich halte es vor Spannung nicht mehr aus.

Wie sagte Bundespräsident Johannes Rau, der in kurzer, launiger Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit für den guten Zweck der Partnerschaften zwischen ost- und westdeutschen Schulen warb? „Benefiz ist, wenn Sie alle mehr bezahlen, als Ihnen eigentlich zumutbar wäre. Dafür danke ich Ihnen.“ Ebenso verausgaben sich die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chefdirigenten auch im letzten Konzert dieses ersten Rattle-Monats: mit einem Wagemut, als ginge es um ihr Leben. Volle Kraft voraus, in jeder Sekunde; gehaushaltet wird hier nicht. Weder bei Schönbergs verzweifelt an den Grenzen der Tonalität zerrendem 2. Streichquartett in der Orchesterfassung – mit der souveränen Sopranistin Dawn Upshaw –, noch bei Bruckners letzter Sinfonie. Der Kopfsatz: nicht Misterioso, sondern ein Powerplay, durchsetzt mit Rattles berühmter Verführungskunst bei den lyrischen Themen. Das Scherzo: keine Geisterstunde, sondern ein Tanz grotesker Gestalten am hellichten Tag. Und das Adagio-Finale: noch in Schwindel erregender Höhenluft pointiert und glasklar.

Nachdem der Österreicher seine Sinfonien in aufsteigender Rangfolge Berühmtheiten widmete – die Achte gar dem Kaiser –, habe er bei der Neunten ein Problem gehabt, verrät der Bundespräsident vorab. Nur noch der liebe Gott sei in Frage gekommen. Und Johannes Rau freut sich wie ein Kind „dass wir bei der Übergabe dieses Geschenks dabei sein dürfen“. Es ist das Geschenk an einen Allmächtigen mit menschlichem, allzumenschlichem Antlitz. Christiane Peitz

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