Kultur : Manschetten für die Met

Adieu: Kirill Petrenkos letztes Konzert in Berlin

Frederik Hanssen

Andreas Homoki, der Intendant der Komischen Oper, weiß um die Bescheidenheit seines Generalmusikdirektors. Doch weil an diesem Tag Petrenkos fünfjährige Amtszeit offiziell zu Ende geht, wird das letzte Sinfoniekonzert der Saison zur Feierstunde für den russischen Maestro. Ach was, zum Fest der Liebe: Schon bei seinem ersten Erscheinen im vollbesetzten Saal hat der Applaus dieses spezielle Prasseln, das Standing Ovations am Ende verspricht. Zweimal erheben sich die Leute dann zwischen den Reden von Homoki und Kulturstaatssekretär André Schmitz, aus Respekt vor einem Künstler, der mit Präzision und Leidenschaft für seine Sache kämpft.

Als er 2002 nach Berlin kam, wurde von der Politik gerade mal wieder die Existenzberechtigung der Komischen Oper angezweifelt. Mit ihrem Kurs des radikalen Regietheaters hielten Homoki und Petrenko dagegen, vergrätzten das Stammpublikum, spielten vor halbleerem Haus, bis sich neue Besucher einfanden, mit Lust am szenischen Experiment und Begeisterung für den geradlinigen, drahtigen, vorwärts drängenden Sound, den der Musikchef seinem Orchester abforderte. Jetzt, wo die Früchte reifen, zieht sich Kirill Petrenko zurück, um erst einmal ohne festes Engagement zu bleiben, in Ruhe Partituren studieren zu können. Wer Petrenko hören will, muss künftig nach New York fahren, wo er im November die „Zauberflöte“ an der Met dirigiert, oder nach Wien, wo er im Frühjahr 2008 eine Neuinszenierung von Janaceks „Katja Kabanova“ betreuen wird. Im Gepäck hat er Manschettenknöpfe mit dem Logo der Komischen Oper, die ihm Homoki zum Abschied überreichte – und einen Südwester mit den Unterschriften aller Orchestermitglieder auf dem Rücken. Ein Insider-Joke, der auf die letzte gemeinsame Berliner Premiere anspielt, Lehárs „Land des Lächelns“: In der Operette erhält der Tenor eine gelbe Jacke als Zeichen höchster Würde – und als Ständchen spielen die Musiker ihrem Chef dazu „Dein ist mein ganzes Herz“.

So wird es doch noch ein Abschied von bühnenreifer Melodramatik. Dabei hatte der Geehrte den Emotionspegel eigentlich niedrig halten wollen und war darum, ähnlich wie Claudio Abbado beim Addio von den Philharmonikern, auf ein bewusst unpopuläres Programm verfallen: zwei spröde Skandinavier im ersten, eine russische Rarität im zweiten Teil. Rachmaninows Kantate „Die Glocken“ ist eine Rocky-Heimat-Picture-Show, bei der alles wild gemixt wird, vom zarten Mädchentraum (anrührend: Tatjana Gazdik) über Folkloristisches bis zur Hollywood-Apotheose. Chor und Orchester entfalten hier zweckdienliche Wucht, so wie Christina Fassbender zuvor kompetent Carl Nielsens Flötenkonzert gespielt hat. Sibelius’ 7. Sinfonie, die Petrenko ganz in sich kreiseln lässt, endet höchst symbolisch, wenn der Melodiefluss plötzlich unvermittelt abgeschnitten wird. Eine schöne, schmerzliche Metapher für dieses Ende einer wunderbaren Zusammenarbeit. Frederik Hanssen

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