Kultur : Maqbool Fida Husain: So weit die Füße tragen

Moritz Schuller

Sie schreiben seit Jahren über seine Füße. Als ob sich die Kritiker vom Kopf hinuntergearbeitet hätten, auf der Suche nach einer körperlich sichtbaren Kreativität, und dann bei diesen alten, schönen, sich fortwährend bewegenden Männerfüßen hängengeblieben wären. "Seine Füße", so schreiben sie, "sind voller Leben. Sie ertragen das träge Tempo des Alltags nicht." Dass Maqbool Fida Husain seit 1965 keine Schuhe trägt und ausschließlich barfuß läuft, wird in Indien wahlweise als Skandal, ästhetisches Programm oder Starallüre gewertet. Daran gehindert, zum größten und auch erfolgreichsten indischen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts zu avancieren, haben ihn seine nackten Füße dennoch nicht. In Indien ist sein Name mit moderner Kunst schlechthin identisch. Und dort, wo indische Kunst außerhalb des Mainstreams angesiedelt ist, trägt er ein Etikett, das seinen Status zu übersetzen hilft: In Europa ist Husain der "Picasso Indiens".

In der Charlottenburger Altbauwohnung liegen seine nackten Füße auf einem schwarzen Lederhocker. Husain schaut Musikvideos auf VIVA, die Fernbedienung liegt in seiner drahtigen Hand. Er trägt schwarz, ein Kordhemd, eine Weste, Hosen, die unten ein wenig ausfransen. Alles ist schwarz, nur seine langen Haare und sein Bart sind schneeweiß. Husain ist auch mit 85 Jahren noch ungemein attraktiv. In einem Land, das Inder typologisch nur als Gastronom, Guru oder Computerspezialisten kennt, macht ihn seine Erscheinung automatisch zu einem heiligen Mann: Wie einen Guru umgeben ihn große Gesten und eine melancholische Sinnlichkeit. Was ihm fehlt, ist lediglich die Ruhe. Das Schnipsen der Finger gegen die nackten Sohlen verrät seine Anspannung. Längst hat er sich aufgerichtet, auch der Fernseher ist ausgeschaltet. Er spricht vom armen Leben in Pandharpur, vom frühen Tod seiner Mutter, von der Metropole Bombay, wohin er Ende der Dreißiger Jahre gelangte, wo er auf Straßen schlief und schließlich Filmplakatmaler und Spielzeugdesigner wurde. Mit geschlossenen Augen könnte man ihn für betrunken halten, so melodisch spricht er.

Kunst ist Kontroverse

Als Kind war er auf einem islamischen Internat, später studierte er Englisch. Als Künstler ist er Autodidakt. Und obwohl er sich nach der Teilung des Subkontinents gegen ein Leben in Pakistan entschied ("Aus Angst vor der muslimischen Einengung der Bildersprache"), blieb Husain auch in Indien nicht unumstritten: Vor einigen Jahren bemalte er im Stadtzentrum von Kalkutta sechs Leinwände mit sechs indischen Göttinnen. Am siebten Tag übermalte er sie mit weißer Farbe: als Zeichen des "Eintauchens der Götter in die Meere". Die Zuschauer randalierten. Als Husain in einer Bombayer Galerie nur mit Zeitungsschnipseln übersäte Räume präsentierte, kam es ebenso zum Eklat. Einige Besucher drohten die Galerie niederzubrennen. Seiner eigenen Internetseite ist all das nur einen lakonischen Kommentar wert: "As long as there is M. F. Husain, there will be controversy."

1947 war Husain neben Künstlern wie Krishnaji Howlaji Ara, Francis Newton Souza und Syed Haider Raza Mitgründer der "Progressive Artists Group". Ziel der Gruppe war eine Rückwendung der Kunst auf eigene, indische Traditionen, womit sie eine dezidierte Gegenposition zum Naturalismus der etablierten "Bombay Art Society" und zum Nationalismus der Bengal School bezog. Zugleich importierten die Gründer der PAG eine europäische Moderne, die sich stark am Expressionismus orientierte. Nach der Auflösung der Gruppe und trotz vieler Auslandsaufenthalte blieb Husain seiner Heimat treu. "Die Sprache und das Essen zogen mich immer wieder zurück", sagt er. "Ich hatte Angst, meine kulturellen Wurzeln zu verlieren." Und so wird die Mythologie Indiens in seinem massiven Werk immer wieder beschworen. Er öffnet sich allen verwertbaren Quellen und Formen, aber auch dem Einfluss des Publikums verschließt er sich nicht: "Der Malprozess ist so spannend, dass ich ihn mit anderen teilen möchte. Soll ich nur das fertige Produkt vorstellen?"

Ein Projekt im Jahr 1968 ließ ihn an verschiedenen Bildern gleichzeitig arbeiten - in aller Öffentlichkeit. Er sprach mit den Zuschauern, malte mal hier, mal da. Die Bilder, sagt Husain, reflektierten sehr unterschiedliche Stimmungen und zwei von ihnen waren ein vollkommener Reinfall. Auch das, "der Mut zum Scheitern", gehöre zur Kunst.

So ist Husain in Indien zu einem Popidol geworden: Mythos und Meister, der ebenso so oft in der indischen Boulevardblättern abgelichtet wird wie in Kunstkatalogen. Im Gegensatz zu anderen Künstlern weiß Husain, Medien und Öffentlichkeit für sich einzusetzen. Weswegen der Vorwurf, er würde sie zur Selbstdarstellung nutzen, nicht ausgebelieben ist. So oder so erzielen seine Bilder bei Auktionen Höchstpreise.

Mit der Kamera malen

Bekannt wurde er im europäischen Ausland, als er 1967 bei der Berlinale den Goldenen Bären für seinen Dokumentarfilm "Through the Eyes of a Painter" erhielt. Seit damals, also seit über dreissig Jahren, habe er "auf den richtigen Zeitpunkt" gewartet, einen Spielfilm zu machen. Das Ergebnis heißt "Gaja Gamini" mit der Göttin des Bollywoodfilms, Madhuri Dixit, von der Husain sagt, sie sei eine vollendete Schauspielerin und mindestens so sexy wie Marilyn Monroe. Obwohl Husain den Film "das vollkommenste künstlerische Medium unseres Zeitalters" nennt, will er dennoch keinen weiteren drehen. Er habe gesagt, was er sagen wollte und ohnehin sei er kein Filmemacher.

Als Husain vor zwei Monaten in Berlin war, kniete er auf dem Parkettboden der Galerie "Fine Art Resource" und malte seine Bilder. Er pendelt zwischen Indien, Europa und Amerika, ein eigenes Studio besitzt er nicht: "Ich arbeite überall auf dem Boden. Und Farben kann ich auch überall kaufen." Er arbeitete sehr schnell. Die großformatigen Zeichnungen waren innerhalb von fünf Tagen fertig. Auf Husains Internetseite werden Zeichnungen zum Kauf angeboten. 100 Dollar für einen echten Husain.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben