Kultur : "Marabus": "Weg mit dem Kino der Superhelden!" - Otar Iosseliani im Interview

Herr Iosseliani[wieder haben Sie in Frankreich ge]

Herr Iosseliani, wieder haben Sie in Frankreich gedreht. Warum?

Frankreich war lange Zeit das beste europäische Land, um Filme zu machen. Aber jetzt gibt es auch dort keinen Autorenfilm mehr. Es gibt nur noch schlechte Filme.

Welche Filme meinen Sie denn da?

Vor allem diese autobiografischen Filme von jungen Regisseuren, die nie eine Filmschule besucht haben. Die nie mit Schauspielern gearbeitet, ein Drehbuch geschrieben oder einen Film geschnitten haben. Ja, sie wissen nicht einmal, wie man ein Projekt entwirft oder Dreharbeiten vorbereitet. Und, noch etwas, kein Mensch interessiert sich mehr für die Montage. Die Cutter schneiden die Filme, nicht die Regisseure. Was diese Leute Regie nennen, gleicht einem blinden Herumstochern im Dunkeln.

Ein düsterer Befund. Gilt der auch für andere europäische Länder?

Das deutsche Kino hatte seine große Zeit vor dem Nationalsozialismus. Das italienische Kino? Nun, da gibt es einen armen Kerl, der heißt Nanni Moretti, und damit ist dann auch schon Schluss. In Russland gibt es noch eine Generation - meine Generation; die arbeitet allerdings, ohne Leute zu hinterlassen, die in ihre Fußstapfen treten können.

Vielleicht fehlt es ja nur an einer guten Regisseursausbildung.

Die ist sehr schlecht geworden. In Polen gab es eine brillante Filmschule, in Lodz, auch eine in der Tschechischen Republik. In Frankreich aber hat niemand mehr Lust zu lehren. Nur schlechte Cineasten, die nicht an einem eigenen Film arbeiten können, lehren dort an Filmhochschulen.

Ist das die Ursache für die Misere des Kinos?

Stück für Stück verschwindet überall dessen kulturelle Funktion. Es gibt nicht mehr die vielen Leute im dunklen Saal, die zusammen zur selben Zeit denselben Film anschauen, gespannt und in aller Bescheidenheit. Vielmehr besteht das Publikum aus lauter Individuen, die nur an sich selbst interessiert sind. Das Kino hat keine andere Funktion mehr als das Fernsehen. 80 Prozent der Zuschauer sind junge Leute, und die kennen nur das amerikanische Kino. Das ist das Kino des Geschlechterkampfes und der Superhelden - nun sind überall kleine Supermänner. Überall mythische Einzelhelden gegen den Rest der Welt.

Was müsste Film denn leisten?

Die Analyse des sozialen Lebens, der Gedanken, die uns täglich beschäftigen ... Aber was sollen diese Leute auch damit anfangen, wenn sie ansonsten nur noch fernsehen? Alle großen Entdeckungen der Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts sind aus der Allgemeinbildung verschwunden. Womit sollen diese Leute also ihren Geist beschäftigen? Und dann erst der Informationsfluss aus dem Internet ... In heutigen westlichen Gesellschaften strapaziert niemand mehr die Denkmuskeln.

Gehen Sie überhaupt noch ins Kino?

Ich fahre auf Festivals, wenn meine Filme dort vorgeführt werden. Nicht, dass mich Festivalprogramme begeistern würden. Ganz selten gibt es einmal einen interessanten Film, am ehesten noch in Venedig. Jedes Jahr entstehen vielleicht fünf oder sechs Filme weltweit, die wirklich sehr gut sind. Doch die sind in der Masse schwer zu finden, auch für Festivaldirektoren.

Wie schaffen Sie es, bei all dem Pessimismus überhaupt noch so witzige und erstaunliche Filme wie "Marabus" zu drehen?

Das kommt, weil ich Georgier bin. Die Georgier haben sogar den Sozialismus überstanden und ihren Humor behalten. Außerdem sind wir stur und halten alles durch - bis wir umfallen.

Sagen Sie uns, zum Schluss, bitte noch etwas übers Kino, das uns Hoffnung macht.

Diese wunderbare Form der Sprache, des Ausdrucks kann nicht ganz verschwinden. Es braucht wahrscheinlich ein großes soziales Ereignis, um sie wieder hervorzubringen. So wie der Zweite Weltkrieg den Neorealismus hervorgebracht hat. Vielleicht wird es dann wieder Leute geben, die das Kino lieben und kennen und es erneuern möchten.

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