Kultur : Marathon in Köln

Mit den Augen des Flaneurs/Von Osama Esber

-

Auf der Aachener Straße hat die Nacht einen anderen Geschmack. Dort dreht sich das Gespräch um den Brauch des Biertrinkens. Die Straße hat einen musikalischen Rhythmus, der von eiligen Passanten mit frischen und leuchtenden Gesichtern geschlagen wird.

* * *

Ein philosophischer Zufall.Das Erste, was ich sehe und von dem ich glaube, es gehöre zu den eigentlichen Kölner Sehenswürdigkeiten, sind die schlanken, ebenmäßigen, leicht geneigten Worte in der Handschrift des deutschen Philosophen Husserl im Husserl-Archiv. Ich erinnere mich daran, dass er auf der Wiener Konferenz gesagt hat, Europa müsse wählen zwischen der Barbarei und dem Heroismus der Vernunft. Zu einem gewissen Grad treffen seine Worte auch auf Köln zu: Nachdem die Barbarei – ein Ergebnis der Vernunft – Köln zerstört hatte, baute die Vernunft die Stadt wieder auf. Diese Vernunft ist wie eine alte Gottheit: Sie erschafft und zerstört, kennt keine Grenzen, und wir sind ihre ewigen Opfer.

* * *

Die Obdachlosen sind meine Nachbarn. Einige von ihnen sehe ich vor dem Supermarkt schlafen. Als ich am Rhein spazieren gehe, uriniert einer gegen eine Wand, ohne sich um die Vorübergehenden zu scheren. Ich komme an einer Gruppe vorbei und grüße. Niemand antwortet. Ich habe das Gefühl, ein Vagabund zu sein wie sie. Mir scheint, dass sie einen Zustand von Überlegenheit verkörpern, von Rebellion, der sich in dieser nackten und verletzenden Offenheit Ausdruck verleiht. Nicht die Anmut der restaurierten mittelalterlichen Gebäude, nicht die der immer gleichen, wohlgeordneten modernen Häuser, nicht die gewaltigen Bäume um die künstlichen Seen reizen meine Sinne. Ich streife sie nur wie beim Schreiben, wie im unvollkommenen Leben und beim Lesen, wo dich stets eine Brücke zur nächsten führt. Die Obdachlosen sind für mich das schönste Bild der Stadt.

* * *

Ein modriger Geruch in den Gemäuern, den tiefer liegenden Schichten, aus den Trümmern des Krieges ersteht ein neuer Körper der Stadt Köln. Unter jeder Behausung liegt eine weitere, die entweder durch die Zeit oder den Krieg zerstört worden war. Und in jedem Körper wohnen wiederum andere Körper. Die hochragenden ehrfurchtgebietenden Bäume verbreiten eine heilige Stimmung in diesem weitläufigen Grün. Sie erinnern mich an andere hohe Bäume in den ländlichen Gegenden Syriens. Wie sehr gleicht sich die Welt!

* * *

Tumult beim Marathonlauf. Das Schlagen der Trommeln und Tamburine erinnert mich an den Urwald. Doch die Massen verkünden keinen bevorstehenden Angriff. Es ist ein besonderer Tag für Köln. Alle sind außer Haus und trinken Bier, essen Trauben und Bananen, rauchen und werfen die Zigarettenkippen auf den Boden, die sich auf dem Bürgersteig unter die Scherben der zerbrochenen Bierflaschen mischen. Besonders die emsig laufenden Alten fallen mir auf. Jugendliche beiderlei Geschlechts, Typen verschiedener Generationen ziehen wie in einem Ritual dahin.

* * *

Die Sprache, in der Nietzsche, Husserl, Heidegger, Hölderlin, Rilke und viele andere geschrieben haben, sie klingt, als wohne ihr Tiefe inne, ihr Rhythmus ist warm und angenehm. Da ist mitunter eine Gemächlichkeit in der Sprache, die auf eine Neigung zur Nachdenklichkeit schließen lässt. Viele Deutsche sprechen bedächtig, ohne wild zu gestikulieren und mit den Händen zu fuchteln. Und doch lässt die Sprache genug Raum für Grobheiten. Wenn der Kölner wütend wird, brüllt er laut los – und damit hat es sich.

* * *

Entlang der Marathonstrecke die immer gleichen Schaufensterauslagen: schicke Kleidung von hoher Qualität. Doch die meisten Menschen in den Straßen tragen anspruchslose Klamotten, weit geschnitten und mitunter alt und farblos. Manche lassen einige Körperteile frei, besonders den weiblichen Bauch, dort, wo der Nabel das Zentrum unendlicher Zartheit bildet, das Zentrum von Ritualen, die tief im Heidentum der germanischen Erde entspringen und dem Ort eine aufreizende Atmosphäre verleihen.

* * *

Der Kölner Dom, im gotischen Stil erbaut, hat es wahrlich verdient, als Gebetsrichtung für die westliche Welt zu gelten. Mathew der Pariser schrieb im 13. Jahrhundert über den Dom, er sei gleichzeitig die Mutter und Königin aller deutschen Kirchen. Der Dom hat genau wie die Bewohner Kölns die Barbarei der Geschichte erlebt. Die Franzosen nutzten ihn als Lager für Getreide, sein Körper wurde von den Bomben des Weltkriegs zerrissen, und in seinem Schatten suchten die Alliierten Deckung und putzten sich aufgrund von Wassermangel die Zähne mit Champagner.

* * *

Ich habe noch keine Gewalt gesehen in Köln. Mein Herz geht mir auf beim Anblick schöner Frauen, deren Gesichter sich wie Jasmin, wie die Damaszener Rose im Garten unserer menschlichen Sexualität öffnen. Sie strahlen Freundlichkeit aus und einen scharfen Verstand.

* * *

Sobald du den Rhein überquerst, trittst du in eine andere Welt, als wäre der Rhein kein Fluss, sondern Stacheldraht. Die beiden Rheinseiten haben nichts miteinander gemein; die Deutschen wohnen ungern an diesem Ort, und die Wohlhabenden halten ihn für unangemessen. Deine Nachbarn in der Straßenbahn auf dieser Rheinseite sind Araber, Türken, Kurden. Ausländische Wortfetzen dringen an dein Ohr, zwischen denen die deutsche Sprache so verloren wirkt, dass man am liebsten ein deutsches Kulturzentrum an diesem Ufer errichten würde.

* * *

Du bist erstaunt über die Kunst des Brotbackens in Deutschland: Schwarzbrot, braunes, weißes Brot, und von allem die unterschiedlichsten Sorten. Man könnte ein Museum für das wohlschmeckende Brot eröffnen. Außerhalb des Brotes gehst du verloren.

* * *

Ein Licht, nicht wie jenes, das die Maler suchen; auch nicht wie jenes, das die Finsternis der Seele vertreibt. Ein gleißendes, enthüllendes Licht, das mich durch die Nebenstraßen des Rings führt. In den Schaufenstern der Geschäfte wird es noch heller. Man setzt alles daran, die Waren mit einem Heiligenschein zu umgeben. Das Buch ist eine Ware, das Gemälde, die Skulptur, das Wort, der Körper ist eine Ware. Ein Zeitalter, zum Platzen gefüllt mit Waren. Sie verfolgen dich bis ins Schlafzimmer, brechen aus dem Internet hervor, durchbohren die Privatsphäre, um dich neu zu formen, damit du ein Gefolgsmann wirst, ein Gläubiger im Tempel der überall hervorquellenden Waren.

* * *

Arabische Speisen, chinesische Speisen, türkische Speisen, afrikanische Speisen, thailändische Speisen, islamische Speisen, die Nationen und Religionen lösen sich auf im Essen. Das Zeitalter des Essens beginnt, die Globalisierung der Speisen. Und in den Küchen, hinter dem Vorhang, wird der Mensch zermalmt als Verherrlichung des Essens. Doch wenn der Kölner ein arabisches Restaurant verlässt, was bleibt ihm im Kopf von den Arabern?

Aus dem Arabischen übertragen von Larissa Bender. Abdruck beider Tagebuch-Auszüge mit freundlicher Genehmigung der Autoren, des Literaturforums Midad und des Literaturhauses Köln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben