Kultur : Marbacher Lachnummer

Eine

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von Michael Braun

Mit kulturministeriellem Flankenschutz und reichlich Pathos wurde die virtuelle „Litfaßsäule mit Gedächtnis“ am Donnerstag in Berlin vorgestellt. Das Deutsche Marbacher Literaturarchiv will gemeinsam mit dem Goethe-Institut, der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung und dem Online-Branchenservice „Kulturkurier“ www.literaturportal.de zum „Service für die Welt der Lesenden“ ausbauen. Hier soll man nachschauchen, was die Republik täglich an Lesungen, Festivals und Poesie-Performances zu bieten hat. Hier sind Audiofiles mit den Stimmen prominenter Autoren archiviert. Und: Jedes „Kalenderblatt“ soll zum Element einer zukünftigen Literaturgeschichtsschreibung werden, verkündete Archivdirektor Ulrich Raulff in Berlin.

Nach ersten Stichproben wird es damit aber wohl schwierig werden. Wollen wir wirklich wissen, so der gestrige, mit dem „Autorenporträt“ identische Eintrag, dass die Schriftstellerin Judith Kuckart gerade ihren 49. Geburtstag begeht? Und falls wir es wissen wollen sollten, wäre uns, wie alle einschlägigen Quellen beweisen, dann nicht eher mit der Information gedient, dass sie in Wahrheit erst 47 Jahre alt wird? Es kommt aber noch doller. So hat das digitale Prunkstück aus Marbach bei den „Autorenportraits“einen Unbekannten namens „Jens Walter“ entdeckt, und sein Lebenslauf ist unter dem Buchstaben W dokumentiert. Gemeint ist natürlich Walter Jens, der in sieben Onlinezeilen abgehandelt wird.

Mit den Texten der „Autorenportraits“, die alle gleich dürftig ausgefallen sind, ist es überhaupt so eine Sache. Von Marcel Beyer, der vor zehn Jahren von Köln nach Dresden ging, heißt es: „Er lebt in Köln.“ Über Ulrike Draesners Werk erfahren wir nichts, dafür aber: „Daneben gilt ihre Liebe dem Motorsport.“ Dem Schweizer Dichter Urs Allemann wird eine nicht-existente zehnjährige „Schreibpause“ angedichtet. Und im Fall von Wolf Wondratschek muss man eine ebensolche annehmen, weil nach dem 1972 erschienenen „Omnibus“ kein weiteres Werk mehr aufgeführt wird.

Besonders hart getroffen hat es den Berliner Lyriker und Kritiker Harald Hartung. Nach den üblichen Dürftigkeiten über sein Werk folgt ein Hinweis auf die angebliche Homepage des Autors. Wer dieselbe anklickt, findet das Selbstportrait eines jungen Mannes aus Hünfeld, der sich zur Deutschen Lebensrettungsgesellschaft bekennt. Bravo! Bücher, die sich solche Mängel leisten, werden eingestampft. Wie aber soll man mit Netzangeboten umgehen? Man ignoriert sie – oder weicht aus: etwa auf www.bluetenleser.de. das Internetportal des Einzelgängers Joachim Leser liefert weit verlässlichere Informationen als die wacklige Marbacher „Litfaßsäule“.

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