Kultur : Marcel Reich-Ranicki wird 80: Eine vertrackte Liebesgeschichte

Peter Schneider lebt in Berlin. Zuletzt veröf

Nun wird er also achtzig und ist noch immer kein bisschen leise. Man weiß ja: Das Quartett, indem er manchmal die Geige, die Bratsche und das Cello gleichzeitig spielt, schließt den Vorhang nur, um ihn zwei Monate später wieder aufzumachen. An den Ruhestand, den die einen ihm gönnen und den die anderen dringend herbeiwünschen, ist bei einem Reich-Ranicki gar nicht zu denken - der Begriff, so scheint es, wurde auf einem anderen Planeten erfunden.

Einem Schriftsteller, der mit Ende siebzig seinen größten Bucherfolg schrieb, braucht man nicht umständlich zu gratulieren, das tun derzeit - zu Hunderttausenden - seine Leser. Gibt es für einen Autor einen schöneren Glückwunsch als eine 11. Auflage? Aber nachdenken darf und soll man darüber, wie diese einzigartige Karriere zustande kam. Nicht genug damit, dass der Rezensent berühmter und reicher ist als fast alle, die er rezensiert hat. Er ist wahrscheinlich der einflussreichste Kritiker in der Geschichte der deutschen Literaturkritik - nicht unbedingt ein Papst, aber wohl der einzige Popstar des Literaturbetriebes.

Es trifft sich, daß ein gemeinsamer Freund, ein Weggenosse von Reich-Ranicki, ins Nachbarhaus gezogen ist und dort in Augenhöhe neben mir wohnt. Manchmal winken wir uns von Erker zu Erker zu. Wenn man Andrzej Wirth, den polnischen Emigranten und Theaterprofessor, nach den Anfängen von Reich-Ranicki fragt, wird eine Konstante von Reich-Ranickis Lebensweg deutlich. 1954 haben sich die beiden in Warschau kennengelernt. Beide waren Mitglieder im polnischen Schriftstellerverband. Der junge Wirth war Feuilleton-Redakteur einer großen Warschauer Wochenzeitung und interpretierte, edierte und übersetzte für das polnische Publikum jene deutschen Schriftsteller, die man unter der kommunistischen Zensur bekannt machen durfte: Vor 1956 war Johannes, R. Becher gefragter als Bert Brecht. Der sieben Jahre ältere Ranicki, einer der ganz wenigen, der mit seiner Frau dem Ghetto und dem Transport nach Auschwitz entkommen war, schrieb als Mitarbeiter eines polnischen Verlages Gutachten, auch über Wirths Projekte.

1945, erklärt Andrzej Wirth, "war Ranicki 25 Jahre alt; fünf Jahre davon hat er, von der Welt abgeschnitten, im Keller gesessen. Natürlich hat er die sowjetischen Truppen als seine Befreier gesehen und ist in die kommunistische Partei eingetreten." Erkennbare Vorteile habe Ranicki jedoch von seiner Parteizugehörigkeit nicht gehabt, eher im Gegenteil. Denn Wirth, der nicht in der Partei war, genoss eine viel größere Bewegungsfreiheit als der Kollege Ranicki, der damals bereits in Ungnade gefallen und lange unter seinem Namen nichts mehr veröffentlichen durfte. Gemeinsam übersetzten die beiden Schriftsteller ihrer Wahl: Kafka, Böll, Dürrenmatt, Frisch, Brecht.

"Es war eine sehr bescheidene Wohnung" erinnert sich Wirth, "deren runder Esstisch gleichzeitig als Arbeitstisch diente und bei jedem zweiten Satz wackelte, weil draußen der Zug vorbeifuhr." In der Übersetzungsarbeit ergänzten sich die beiden prächtig und hatten Spaß dabei; Wirth, der Kolakowski-Studienkollege und Doktor der Philosophie, fühlte sich für das Poetische zuständig, Ranicki, Absolvent eines preußischen Gymnasiums, für Prosa. Gelegentlich ärgerte man sich über die unterschiedliche Bezahlung: Wirth, der "Poet", wurde pro Zeile bezahlt, Ranicki, der "Prosaist", mußte sich mit einem Seiten-Honorar begnügen.

Das Seltsame, Anrührende, heute fast Unbegreifliche an diesem Literaturnarren, fährt Wirth fort, sei gewesen, daß er, ein polnischer und von den Nazi-Deutschen von Geburt an zum Tode bestimmte Jude, die deutsche Sprache und Literatur unterschütterlich liebte, sie mehr liebte und sie auch besser beherrschte als die polnische. Das literarische Deutsch - wer weiß das und kann es sich heute vorstellen? - konnte im besetzten Polen nur unter größter Gefahr in konspirativen Gymnasien unterrichtet werden - so hat Andrzej Wirth sein Deutsch gelernt. Hölderlin und Goethe waren für die Tornister der deutschen Herrenmenschen bestimmt, in den Jackentaschen eines polnischen Jünglings hatten sie nichts zu suchen. Vielleicht haben wir hier den Anfang der vertrackten Liebesgeschichte zwischen Marcel Reich-Ranicki und dem deutschen Publikum berührt. Diese Geschichte hatte und hat etwas mit Literatur, aber auch etwas mit Schuld und Sühne zu tun, mit einem Wunsch nach Bestrafung und Katharsis - und am Ende mit Dankbarkeit.

Es lag ja in den fünfziger Jahren für einen polnisch-jüdischen Überlebenden des Nazi-Wahns nicht eben nahe, nach Deutschland zu emigrieren. Deutschland war und ist nicht das Land, in dem sich die politischen Flüchtlinge der Welt die Freiheit versprechen. Die klassischen Emigrationsländer für die Polen waren England, Frankreich und die USA. Marcel Reich-Ranicki gab der Kompass-Nadel der Emigration eine andere Richtung - und zwar zu einer Zeit, da in Polen jeder deutsche Laut, gleichviel, wer ihn äußerte, der Mördersprache zugeordnet wurde. Dieser polnisch-jüdische Emigrant hatte seine Liebe zur deutschen Literatur und ihren humanistischen Traditionen verteidigt zu einer Zeit, da die Deutschen selber diese Traditionen verrieten und sich in atemberaubenden Tempo barbarisierten. Als er nach Deutschland emigrierte, brachte er den Deutschen etwas zurück, das in den Augen vieler für immer verspielt und diskrediert war - ihr von ihnen selbst verratenes Kulturerbe. Und er hat es ihnen dann - mit dem drohend hin und her schüttelnden Zeigefinger - wieder eingebläut.

Wie es scheint, hatte das deutsche Publikum genau auf so einen gestrengen, manchmal heftig auffahrenden und am Ende doch wohlwollenden Propagandisten ihrer eigenen besseren Traditionen gewartet. Irgendwie verstand er es, die Deutschen mit seinem Respekt und seiner Liebe zur Literatur anzustecken, und natürlich hat es geholfen, dass er, wenn er von seiner Liebe zur Literatur sprach, immer von seiner Liebe zur deutschen Literatur sprach, nicht zur Literatur insgesamt. Aber ebenso konstitutiv für den beispiellosen Erfolg Reich-Ranickis ist ein anderes Talent. Er verfügt über beachtliche Schauspieler-Qualitäten und ist ein vorzüglicher Kritiker-Darsteller. Längst bevor man ein Wort von ihm hört, bereitet er den Zuschauer durch sein Mienenspiel oder eine bestimmte Maske auf sein Urteil vor. Da ist die Maske des widerwilligen, gleichsam innerlich kopfschüttenden Zuhörens, das eine halbe Zustimmung oder auch krasse Ablehnung verspricht. Da ist das gesammelte Innehalten, das Blähen der Nüstern beim großen Einatmen, um für das wie unter Schmerzen geäußerte, mitunter durchaus überschwängliche Lob Luft zu haben. Und da ist schließlich die Maske des Abscheus, die ihm stets am besten gelingt. Wenn er nicht längst schon in irgendeinem Wachsfigurenkabinett verewigt ist, dies wäre die Sekunde, die der Künstler festhalten müsste: eine Sitzhaltung, die körperliches Leiden unter dem Kommentar eines Mitstreiters ausdrückt, die Miene tiefster Mißbilligung mit den heruntergezogenen Mundwinkeln, das Einsaugen der Luft und das Anhalten vor dem vernichtenden Ausbruch. Nein, dieser Kritiker lässt, anders als er in seinem Quartett-Schlußwort behauptet, keine Frage offen.

Mit seinen immer auf Eindeutigkeit zielenden Urteilen hat er zuweilen die Grenze, die zwischen dem Verriss eines Buches und der moralischen und persönlichen Diskreditierung eines Autors liegt, überschritten. Damit ist er zum Pionier eines Kritikstils geworden, der im deutschen Feuilleton inzwischen Routine geworden ist. Daß seine Urteile keinem Kodex und keinem Programm folgen - wer wird dies einem Kritiker verdenken, der sein Verfahren folgendermaßen beschreibt: "Ich muß mit meiner ganzen Person im Theater sitzen oder ein Buch lesen. Und plötzlich spüre ich etwas: Das ist ja gut, was ich lese. Aber ich weiß nicht warum ... . Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht Argumente finde, um das Buch zu verteidigen, das mir gefällt". Dass seine Urteile natürlich doch einer - eher konservativen - Ästhetik folgen, macht ihre Wirksamkeit aus und ist der Preis des Erfolges.

Beherzt und instinktsicher hat Reich-Ranicki einen leeren Stuhl im Literaturbetrieb besetzt, an dem so gut wie alle Kollegen mit elitärer Gebärde vorbeischritten. Er hat sich als Anwalt der Interessen des Lesers angeboten, und die Leser fühlen sich von ihm wie von keinem anderen Kritiker vertreten. Dies ist wohl der wichtigste Grund für das Andauern seines Erfolgs. Während die Feuilletons jede Herbstsaison nach einem neuen, unerhörten Schreibstil fahnden und den neuen Beckett, Musil, oder Kafka suchen, vertrat Reich-Ranicki unbeirrbar das Recht des Erzählens und der Zugänglichkeit von Literatur. Am Ende ist er der einzige, der die Stirn hat zu sagen: " ... kein Zweifel, ein hochinteressantes, ein kunstvolles, ein brillantes Buch. Ich habe es nach dreißig Seiten weggelegt, weil es unaussprechlich langweilig war". Dabei kommt ihm ein Kunststück zustatten, das wenigen gelingt. Er hat aus seinem polnischen Akzent und seinem S-Fehler ein unverwechselbares, persönliches Merkmal gemacht, das inzwischen drei Generationen von Deutschen - vom Großvater bis zum Zehnjährigen - begeistert und gekonnt nachahmen. Ich kenne niemanden, der von Reich-Ranicki spricht und nicht sofort eine Probe davon gibt, wie gut er ihn nachahmen kann. Dabei stellt sich heraus, sein S und sein rollendes R ist beinahe so populär und gut nachahmbar wie Charlie Chaplins Gang. Sehr geehrter Herr Reich-Ranicki, ob es Ihnen nun gefällt oder nicht: Ich glaube, dies ist der wahre Ruhm.

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