Marcellvs L. : Alea iacta est

Marcellvs L. liebt Latein und verfilmt die Langsamkeit. Dafür erhält der Brasilianer den Gasag-Kunstpreis.

Simone Reber
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Marcellvs L. kam aus Belo Horizonte nach Berlin. -Foto: Mike Wolff

Wasser glitzert verschwommen in der Sonne. Der schwarze Umriss eines Mannes nähert sich vorsichtig der Furt und watet hindurch. Während die Kamera aufzieht, wird das Bild von der Überquerung des Flusses unmerklich schärfer. Am Ende ist eine Straße zu erkennen, die vom Regen überflutet wurde. Mit diesem nur wenige Minuten kurzen Film wurde der brasilianische Video- und Soundkünstler Marcellvs L. berühmt. Er gleicht einem Blick durch das Mikroskop auf einen winzigen Ausschnitt des Lebens. Anfangs ist das Bild noch getrübt, doch dann erscheinen die Strukturen überdeutlich. Zunächst wirkt die Ereignislosigkeit in der Kunst von Marcellvs L. wie eine Zumutung, ist man aber erst dem verführerischen Sog der Langsamkeit erlegen, verlangt das Auge nach mehr.

Marcellvs L. denkt über die Wahrnehmung der Zeit nach, einen „präzisen und geduldigen Beobachter“ nennt ihn die Jury, die ihm jetzt den Gasag-Kunstpreis zugesprochen hat, dotiert mit 7500 Euro. Aus diesem Anlass ist sein Film mit der Fluss-Durchwatung wieder zu sehen, zusammen mit Arbeiten anderer Preisträger in der Berlinischen Galerie. Während die Großstadt Gas gibt, setzt Marcellvs L. auf Entschleunigung. Zeit hat für den 28-Jährigen eine politische Dimension. „Die Zeit“, sagt er, „ist das mächtigste Mittel, um andere zu kontrollieren“. Deshalb setzt er seine Kräfte ein, um selbst die Zeit zu kontrollieren. Er legt Wert auf die anachronistische Schreibweise seines Namens in lateinischen Lettern, denn er die Vergangenheit und ihre Sprachen.

Nichts ist gewiss in diesen Filmen. Auch bei der Begegnung mit dem Künstler entspricht nichts den Erwartungen. Der junge Brasilianer, hoch gewachsen und ernst, lebt im fünften Stock eines Sozialbaus in Kreuzberg, von Bohème keine Spur. Hinter dem Schreibtisch glänzt silbrig ein imponierender Rechner. Marcellvs L. hat gerade die Prüfungen des Integrationskurses absolviert, um sein Visum verlängern zu können. Denn eigentlich möchte er sich langfristig auf Berlin einlassen, will eine größere Wohnung suchen und ein Klavier kaufen.

In seiner Heimatstadt Belo Horizonte hat er Musik und Philosophie studiert, brach das Studium aber ab, als die philosophische Fakultät sich weigerte, Seminararbeiten in filmischer Form anzunehmen. Beethoven, Nietzsche, Bier, Dunkelheit und Kälte hätten ihn nach Deutschland gelockt, meint er im Scherz. Als eine Freundin Filme für das Oberhausener Kurzfilmfestival verpackte, legte sie eine Arbeit von Marcellvs L. bei. Damit gewann er 2005 den Hauptpreis des Festivals. Das Interview findet auf Englisch statt, aber Marcellvs L. misstraut den Worten, weil er befürchtet, seine Kunst könnte durch die Sprache ihre Mehrdeutigkeit verlieren.

Tatsächlich läuft die Linearität von Sätzen dem Gedankensystem zuwider, das seinem bislang wichtigsten Werkblock zu Grunde liegt. Die „Videorhizome“, von denen einige in der Berlinischen Galerie zu sehen sind, nehmen einen Begriff von Gilles Deleuze und Félix Guattari auf. Sie wuchern nach einem nicht-hierarchisch strukturierten Prinzip in alle Richtungen. Die kurzen Filme wirken durch Verschiebungen, durch Unschärfen, durch Tonmanipulationen und produzieren in diesem ungenauen Zwischenreich eine neue, eigene Schönheit. Schönheit –auch so ein Wort, das Marcellvs L. keineswegs in seiner Endgültigkeit stehen lassen will. Und doch locken seine Filme mit ihren entrückten Bildern. Auf der brasilianischen Insel Garapuá beobachtet er mit der Kamera zwei Boote, die bei prasselndem Regen auf dem Wasser zu tanzen scheinen, ins Bild hineintreiben, wieder hinausdriften. Eine zarte Parabel auf das Leben. Nur der Ton legt sich wie Blei auf die Brust, die Frequenzen sind manipuliert, das Rauschen des Regens zum atemberaubenden Wummern abgesenkt. Die visuelle Schönheit ist nicht ohne das Gefühl körperlichen Unwohlseins zu haben.

Wie alle Filme der Reihe trägt auch dieser keinen Titel, sondern eine Nummer, die der Künstler mit zwei Würfeln ermittelt hat. In Belo Horizonte hat er nach diesen Zufallszahlen Adressaten aus dem Telefonbuch gepickt und ihnen die Kassetten geschickt. So soll sich das Werk wie ein Wurzelgeflecht in alle Richtungen fortpflanzen. Das Prinzip des Wachstums, erklärt er, fasziniere ihn auch an den Texten von Nietzsche. „Incipit Zarathustra“ ist als Tattoo auf seinem Unterarm zu lesen.

Belo Horizonte, in den Bergen gelegen, ist berühmt für seine zahlreichen Bäche. In Berlin hat es Marcellvs L. an die Spree gezogen, wo er in Kreuzberg das Hostelschiff vor den Fenstern eines Wohnhauses so gefilmt hat, dass die beiden Fassaden ineinander verfließen. Vier Jahre lang hat Marcellvs L. in einer Klinik gearbeitet. Psychisch Kranke erzählten ihm, dass sie vor einer Krise oft den Eindruck hätten, die Architektur beginne zu pulsieren. So taumeln auch in seinem Film die Fassaden, ein surrealistischer Tanz. „Alles, was ich zu sagen habe, ist in diesen Filmen“, beharrt Marcellvs L. am Ende des Gesprächs. Niemals wolle er zynisch sein, sagt er noch. Eine unverstellte Aufrichtigkeit, die man leicht mit Wehrlosigkeit verwechseln könnte. Stünde dahinter nicht ein sehr energischer Wille. Ein Wille, der die Zeit ausbremsen kann.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124, bis 20.Oktober, tägl. außer Di. 10–18 Uhr. Die Preisverleihung an Marcellvs L. findet am Donnerstag, 25. 9, um 19 Uhr statt.

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