Kultur : Mare nostrum

Frühe Schätze aus der Ägäis im Alten Museum.

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Es ist wahrlich ein Gang zurück zu den Anfängen. Nach dem Rundgang durch die Dauerausstellung zur griechisch-römischen Antike im Alten Museum bilden die 40 ausgestellten Exponate einen faszinierenden Einblick in die Anfänge der minoisch-mykenischen Kultur. Bronzezeit an der Ägäis – das bedeutet einen interessanten Mix aus bereits Bekanntem und noch nie da Gewesenem. Die Ausstellung „Zurück zu den Anfängen. Schätze früherer Hochkulturen der Ägäis in der Antikensammlung“ (bis 7. Juni 2013, Mo-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr) bietet einen guten Überblick, ohne den Betrachter mit einer Unmenge an frühzeitlichen Funden zu erschlagen.

Die angeblich von der Insel Amorgos stammenden Kykladenidole führen eindrücklich die bereits in der frühen Bronzezeit ausgefeilte Darstellung von Menschenbildnissen vor Augen. Die glatte Marmoroberfläche lässt noch Spuren kultischer Bemalung erahnen. Über die Bedeutung der rötlichen Streifen auf den Wangen kann heute nur spekuliert werden. Kuratorin Laura-Concetta Rizzotto meint, es könnten Totenklagen sein. „Möglicherweise wurden so Kratzspuren auf dem Gesicht simuliert, um Trauer auszudrücken.“ Eindrucksvoll, besonders im Vergleich zu diesen frühen Ikonen, sind die spätbronzezeitlichen Funde aus Kreta, etwa eine bronzene Frauenfigur, die akribisch genau geformt ist – vom aus den Fresken der Insel bekannten offenen Miederkleid bis zur kunstvoll hochgesteckten Frisur. In ihrer vielschichtig deutbaren Geste scheint sie lebendiger, als man es von einer wohl 3100 Jahre alten Bronzefigur erwarten würde.

Erstaunlich fein gearbeitet – mit satten, rotbraunen Seitenaufsätzen, die in das Hauptgefäß übergehen – sind die Tongefäße, die wohl kultische Verwendung hatten. Mal als simples Gefäß, mal als Stierkopf geformt, haben diese sogenannten Rhyta eines gemeinsam: Das Loch am Boden, durch das die Flüssigkeit wieder abfließen kann. Für die minoisch-mykenische Spätbronzezeit typisch sind der beige Hintergrund und die braune bis dunkelrote Farbe, die nicht nur Spiralen und Ringe auf die Tonoberfläche bringt, sondern auch Fische. Die Meerverbundenheit dieses Kulturkreises wird auch an den in Gräbern und Palästen gefundenen Tonnenschnecken deutlich.

Die Fresken aus Knossos und die Kapitellfragmente aus dem sogenannten Schatz von Atreus lassen ahnen, wie überwältigend die minoisch-mykenische Palastkultur auf dem Höhepunkt ihrer Pracht gewesen sein muss. Goldrosetten, akribisch fein gearbeitete Siegel aus Achat und Hämatit, Perlen, Waffen und Eberzähne: Anhand der Grabbeigaben lässt sich heute teilweise noch erkennen, wer da begraben liegt. Der Rötelstift lässt auf eine Frau schließen – ob sie damit sich oder die Toten schminkte, ist allerdings unklar. Annika Brockschmidt

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