Margarete Stokowski über Feminismus : Aus die Maus

Warum der Feminismus immer noch gebraucht wird: Margarete Stokowski und ihr Buch „Untenrum frei“. Eine Standortbestimmung aus Sicht der Post-Schwarzer-Generation.

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Die Berliner Autorin Margarete Stokowski.
Die Berliner Autorin Margarete Stokowski.Foto: Rowohlt Verlag

Mit zwölf Jahren hat Margarete Stokowski drei Hobbys: Lesen, Malen und Sich- Schminken. Von ihren Make-up-Künsten bekommt allerdings erst mal niemand etwas mit, denn sie wäscht stets alles wieder weg, bevor sie das Badezimmer verlässt. Mädchen, die sich schminken, hält sie nämlich für oberflächliche Schlampen. Da will sie nicht dazugerechnet werden, sie mag schließlich Goethe und Physik. Den gesellschaftlichen Schönheitskonzepten für junge Frauen kann sie sich trotzdem nicht entziehen. Bald darauf beginnt ihr Kampf gegen die Körperbehaarung, dann der gegen ihr Gewicht.

Knapp zwei Jahrzehnte später beschreibt sie diese Kämpfe sehr anschaulich in ihrem ersten Buch „Untenrum frei“, das über das Bekenntnishafte weit hinausgeht und die persönlichen Beispiele vor allem zur Verdeutlichung größerer Zusammenhänge heranzieht. So illustriert die Schmink- und Abschminkepisode geradezu prototypisch das Paradox, mit dem es die meisten als Frauen definierten Menschen früher oder später zu tun bekommen: „Sei schön – aber nicht zu schön. Kümmere dich um dein Äußeres – aber nicht so, dass man sieht, wie viel Arbeit du da reingesteckt hast. Sei sexuell attraktiv – aber pass auf, dass du nicht wirkst, als wärst du ,leicht zu haben‘ .“

Wie ein Mädchen quasi nebenbei lernt, dass sein Körper per se unzulänglich ist und der Bearbeitung und Verbesserung bedarf, beschreibt die als Kolumnistin von „taz“ und „Spiegel Online“ bekannt gewordene Autorin auf unaufgeregte und prägnante Weise. Dabei geht es ihr selbstredend nicht darum, Schminke, High Heels oder rasierte Achseln zu verdammen. Vielmehr interessiert sie sich für die Frage, wo die Grenze zwischen eigenen Schönheitsvorstellungen und verinnerlichten gesellschaftlichen Zwängen verläuft. „Alles ist schöner, wenn es freiwillig ist und bewusst selber gewählt, und dazu muss man die Alternativen zumindest kennen“, schreibt Stokowski.

Ihr Ton ist locker und persönlich

Sie bezweifelt, dass bei jungen Frauen eine ausreichende Kenntnis von Alternativen zu den stereotypen Rollenbildern vorhanden ist, folglich könne von echter Wahlfreiheit nicht die Rede sein. Diese Unfreiheit wiederum spiegele eine gesamtgesellschaftlichen Unfreiheit. „Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind“, lautet die zentrale These ihres Buches. Da Frauen von dieser Unfreiheit immer noch stärker betroffen sind als Männer, ist ihre Perspektive eine dezidiert feministische. Wobei Stokowski sich zu der Bezeichnung Feministin erst durchringen musste, was sie auch eingehend thematisiert. Das verleiht dem Buch hohe Integrationskraft für ein Publikum, das vor dem Begriff erst mal zurückschrecken würde.

Es sind letztlich pragmatische Gründe, die Margarete Stokowski darauf zurückgreifen lassen: Feminismus ist ein eingeführter Begriff, „Bewegung für Freiheit und Selbstbestimmung bezüglich aller Fragen, die im Zusammenhang mit Geschlecht, Körper und sexueller Orientierung stehen, würde es besser treffen, ist aber zu lang“. Nach einem neuen Label zu suchen, lenke nur ab, überdies möchte Stokowski sich nicht von denjenigen abgrenzen, die den Kampf um Gleichberechtigung begonnen haben. Deshalb bezieht sie von Simone de Beauvoir bis hin zur gleichaltrigen Laurie Penny viele Stimmen feministischer Kolleginnen ein. Wobei ihre Analyse weniger kapitalismuskritisch und queer-feministisch ausfällt als die von Penny in „Fleischmarkt“. Stokowskis Ton ist ähnlich locker und persönlich wie der ihrer britischen Kollegin, allerdings nicht ganz so kämpferisch.

Viele Missstände bestehen weiter

„Untenrum frei“ möchte kein Manifest sein, sondern eher eine Standortbestimmung des feministischen Projekts aus Sicht der Post-Schwarzer-Generation. Stokowski, die ein Philosophie- und Sozialwissenschaftsstudium an der Berliner Humboldt-Universität abgeschlossen hat – was sich in ihrem Text gewinnbringend niederschlägt – stellt fest, dass trotz der vielen erreichten Verbesserungen zentrale Missstände fortbestehen. Sie nennt Dauerbrennerthemen wie Lohnungerechtigkeit oder niedrige Frauenquoten in Spitzenpositionen und erinnert daran, dass Sexismus weiterhin zum Alltag vieler Frauen gehört, wobei sie auf die unter dem #Aufschrei zusammengetragenen Erfahrungsberichte nach der Brüderle-Affäre verweist. Jenna Behrends’ Erlebnisse in der Berliner CDU würden da nahtlos hineinpassen.

Vor allem aber befasst sich Margarete Stokowski mit den beschränkten und beschränkenden Genderkonzepten, die für Frauen in erster Linie liebende oder dienende Positionen sowie objekthafte Repräsentationen vorsehen. Wie allgegenwärtig und damit schon fast nicht mehr bewusst wahrnehmbar etwa die Verwendung von Frauenkörpern zu Dekorationszwecken inzwischen ist, illustriert sie anhand einer wunderbar absurden Liste von Themen, die „Stern“, „Focus“ und „Spiegel“ bereits mit (halb)nackten Frauen bebildert haben. Sie reicht vom Abnehmen über falsche Zahnarztbefunde, Griechenland und Impfen bis hin zu Kamera-Novitäten, Sexpillen und Sigmund Freuds 150. Geburtstag.

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