Margarethe von Trotta : Gratwanderung mit neuem Film

Drei Jahre nach dem Erfolg ihres Kriegsdramas "Rosenstraße" überrascht Margarethe von Trotta mit einem Film, der ganz andere Töne anschlägt. In einer Mischung aus Melodram und Thriller erzählt sie die Geschichte einer Amour Fou.

Berlin - Obwohl mit Katja Riemann, August Diehl und Armin Mueller-Stahl hochkarätig besetzt, wirkt das Drehbuch mit seiner theatralischen Dialogsprache arg konstruiert. Der junge und erfolgreiche Brückeningenieur Robert (Diehl) trifft in einem Frankfurter Luxushotel die attraktive Carlotta (Riemann). Die verführerische Schöne schlägt Robert sofort in ihren Bann. Er verbringt eine leidenschaftliche Nacht mit ihr. Am Morgen ist sie verschwunden, hat den vereinbarten Liebeslohn aber zurückgelassen. Am nächsten Tag begegnet Robert ihr in einer Anwaltskanzlei, wo sie als nüchterne Rechtsanwältin Carolin Winter seinen Fall betreut.

Sie ignoriert Roberts Anspielungen auf die vergangene Nacht. Er hält dies für einen Teil ihres Spiels und verfällt immer mehr der Mischung aus Unschuld und Verruchtheit. Der Ingenieur trennt sich von seiner langjährigen Lebensgefährtin Britta (Bernadette Heerwagen) und spürt Carolin bei ihrem Vater Karl (Mueller-Stahl) im Rheingau auf. Der wohlhabende Winzer ist an den Rollstuhl gefesselt und übt einen großen Einfluss auf seine gehorsame Tochter aus. Nach und nach erkennt Robert die Abgründe einer disfunktionalen Familie und setzt bei dem Versuch, Carolin zu helfen und für sich zu gewinnen, sein Leben aufs Spiel.

Katja Riemann läuft zur Hochform auf

In ihrem 20. Film schlägt Margarethe von Trotta ganz neue Töne an und riskiert eine Gratwanderung. Die Vorlage dazu lieferte Grimme-Preisträger Peter Märthesheimer, der mit seiner Lebensgefährtin Pea Fröhlich die Drehbücher für mehrere Filme von Rainer Werner Fassbinder schrieb, mit seinem ersten Roman. Märthesheimer starb jedoch im Juni 2004 an Herzversagen noch vor Beginn der Dreharbeiten.

Abgesehen von Fassbinder, mit dem Trotta als Schauspielerin noch zusammenarbeitete, lehnt sie sich stilistisch an Werke berühmter Kollegen wie Claude Chabrol, Alfred Hitchcock und David Lynch an. In der Inszenierung zeigen Stars wie Katja Riemann, August Diehl und Armin Mueller-Stahl ihr Können. Vor allem Riemann läuft in der Rolle einer gespaltenen Persönlichkeit mit masochistischen Zügen zur Hochform auf. Während Mueller-Stahl einmal mehr in der Rolle des machtgierigen Patriarchen brilliert, bleibt Diehl als unheilbar Liebender blass.

Schwer verdauliche Mixtur

Noch härter trifft es Nebendarsteller wie Dieter Laser oder Barbara Auer, die lebensferne, fast karikaturhafte Kunstfiguren wie einen Diener, der sich die Zunge abgebissen hat, oder eine erotische Kreuzung aus Domina und Hausdame verkörpern. Alles in allem ist "Ich bin die Andere" ein irritierende und schwer verdauliche Mixtur aus fatalen Obsessionen, unbändigen Leidenschaften und psychologischen Abhängigkeiten.

"Ich bin die Andere", Deutschland 2006, Thriller-Melodram, 104 Minuten, FSK: 12, Regie: Margarethe von Trotta, Darsteller: Katja Riemann, August Diehl, Armin Mueller-Stahl u. a. Kinostart: 5. Oktober 2006 (Reinhard Kleber, ddp)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben