• "Maria Seyring, Ärztin, Jahrgang 1895": Ärztin und Kommunistin - Eine spannende Lebensgeschichte

Kultur : "Maria Seyring, Ärztin, Jahrgang 1895": Ärztin und Kommunistin - Eine spannende Lebensgeschichte

Hella Kaiser

Wenn eine Frau schwanger ist und den Vater des Kindes nicht heiraten will, wird sie ihre Gründe haben. Akzeptiert wird es allemal, heutzutage. Bei Maria Seyring, Jahrgang 1895, sah die Sache noch ganz anders aus. Als sich die Ärztin aus gut bürgerlichen Verhältnissen mit 29 Jahren gegen eine Ehe entscheidet, verstehen die Eltern die Welt nicht mehr. Aber die ist in Bergedorf auch noch nicht so ins Wanken geraten wie in Berlin. Hier hat Maria, die 1916 noch dem "lieben, lieben Kaiser" zugejubelt hatte, ihre politischen Ansichten gründlich gewandelt.

"Ich bin Sozialist, Kommunist sogar, weil ich überzeugt bin, dass wir einfach dahin müssen ...", schreibt sie den Eltern. Sie besucht eine "Parteischule", schreibt für die Frauenbeilage der "Roten Fahne" und engagiert sich, überzeugt von der "Schändlichkeit des kapitalistischen Systems". Mit dem Vater ihres ersten Kindes, dem 14 Jahre älteren Ludwig Alexander, verbindet sie intellektuelle Freundschaft. Mit ihm zusammenleben will sie auch dann nicht, als sie 1929 erneut schwanger wird. Sie habe sich, so erklärt sie den Kindern später, "für künftige revolutionäre Entwicklungen" bereithalten und "so ungebunden wie möglich" bleiben wollen.

Dass man dieses "Frauenleben quer zur Zeit", wie der Untertitel des Buches heißt, nun schwarz auf weiß verfolgen kann, ist Katharina Klinger, der 1932 geborenen Tochter, zu verdanken. Wenn auch an Aufbau und Ausführung des Textes - die Autorin verheddert sich bisweilen in belanglose Details - einiges zu kritisieren ist, so erfährt man doch eine Menge über den Alltag in Berlin, insbesondere während der Jahre 1925 bis 1950.

Als sich Maria zur Wohngemeinschaft mit Ludwig entschließt, hofft die Familie in dem 1934 bezogenen Haus in Nikolassee auf eine Zufluchtsburg "in dieser Zeit der Barbarei", wie es Ludwig ausdrückt. Als ehemaliger Abgeordneter der nun verbotenen KPD und als "Halbjude" ist er doppelt gefährdet. Der Alltag wird zum Schlingerkurs ums Überleben. Maria verabscheut die Nationalsozialisten und sieht sich doch zu Kompromissen gezwungen. Denn, darf sie als Mutter ihren Kindern "Heldentum" abverlangen und sie dadurch gefährden?

Erfolgreich interveniert sie, als ihre Tochter Katharina in eine andere Klasse soll, weil es nicht anginge, dass eine "Vierteljüdin" gemeinsam mit einer Goebbels-Tochter unterrichtet wird. "Abschirmen" wollte sie die Tochter, die nicht zu fragen wagt, warum die Schilder mit der Aufschrift "Juden unerwünscht" eines Tages verschwunden sind. Auch das beschauliche Nikolassee ist seit 1943 "judenfrei".

Während der Verfolgungen nach dem Hitler-Attentat 1944 wird auch Ludwig verhaftet und stirbt im KZ Bergen-Belsen. "In meinen Träumen verfolgt mich noch heute der Gedanke, ob ich wirklich genug getan habe, ihn zu retten", schreibt Maria ihrer Tochter mit 85 Jahren.

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