Maria Sibylla Merian im Kupferstichkabinett : Man sieht nur mit dem Auge gut

Naturwunder: Das Berliner Kupferstichkabinett feiert anlässlich des 300. Todestages von Maria Sibylla Merian die lange Tradition der Blumen- und Insektendarstellung.

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Sie sah genau hin: Der Kupferstich "Granatapfel und Schmetterlinge" von Maria Sibylla Merian. Foto: bpk / Staatsbibliothek zu Berlin / Ruth Schacht
Sie sah genau hin: Der Kupferstich "Granatapfel und Schmetterlinge" von Maria Sibylla Merian.Foto: bpk / Staatsbibliothek zu Berlin / Ruth Schacht

Miniermotte, Eulenfalter, Pappelblattkäfer – das sind Schlüsselworte für den Giftschrank. Mehr ein Fall für Insektenvernichtung denn feinnervige Zeichnungen, in denen sich der Lauf der Dinge manifestiert: von der Larve zum Schmetterling, vom Wachstum zur Zerstörung. Maria Sibylla Merian sah die zerfressenen Blätter von Eichen oder Löwenzahn unter diesem Aspekt. Alles bewegt sich hin zum Leben, entwickelt sich, und das menschliche Auge ist Zeuge der Prozesse. Natürlich lässt sich ihr wissenschaftliches Interesse in einer Zeit der Spekulation auch als Wissbegier erklären: Wo andere im späten 17. Jahrhundert dachten, dass Falter und andere Insekten sich quasi von selbst aus dem Urschlamm schälten, sah die deutsche Naturforscherin genau hin und erkannte Zusammenhänge. Aber eben auch Schönheit, die sie in großartige Zeichnungen bannte.

„Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes“ heißt die Ausstellung im Kupferstichkabinett, die einem beides zum 300. Todestag der außergewöhnlichen Frau noch einmal vor Augen führt. Maria Sibylla Merian, 1647 in Frankfurt geboren, war in vieler Hinsicht eine Ausnahme. Zur künstlerischen Begabung, die von ihrem malenden Stiefvater gefördert wurde, gesellte sich ein staunendes Interesse an Seidenraupen, deren Metamorphose sie in Skizzenbüchern festhielt. Während der zwanzigjährigen Ehe mit dem Maler Johann Andreas Graff reduzierte Merian ihre Leidenschaft auf den Handel mit Farben und den Unterricht anderer Frauen in der Blumendarstellung. Doch dann, mit knapp vierzig, zieht sie mit ihren beiden Töchtern von Nürnberg zum Stiefbruder in die Niederlande und startet eine Karriere als Forscherin mit Pinsel und Deckfarben.

Blumenbildern wurde stets eine marginale Rolle zugewiesen

Die Schau im Kupferstichkabinett beginnt weit vor jener Zeit mit zwei feinen Blattornamenten, die vom Meister E. S. vor 1470 gestochen wurden. Man muss schon genau hinschauen, um sich die Raffinesse der knapp zehn Zentimeter messenden Schönheiten vor Augen zu führen. Ein Anspruch, den die großartige Ausstellung fast bis zum letzten Blumenbild einfordert, weil ihm in der langen Kunstgeschichte stets eine marginale Rolle zugewiesen war. Das Sujet beschränkte sich während der Renaissance auf Kupferstich und Druck. Zwar wuchs es mit der Zeit zum eigenständigen Genre, verließ jedoch nie die Dimension einer doppelten Buchseite. Es sei denn, das Florale fand Eingang in Folianten wie etwa von Basilius Besler, der 1613 sein barockes Meisterwerk „Hortus Eystettensis“ herausgab, ein elaboriertes Verzeichnis der Botanik mit farbigen Kupferstichen von über tausend Pflanzen.

Das Schwergewicht zählt ebenso zu den knapp 150 Exponaten wie Bilder von Martin Schongauer oder Aquarelle von Georg Flegel, der Zentralfigur des Stilllebens im 17. Jahrhundert. Doch lenken alle Sujets, die hier das zunehmende Interesse an einer naturalistischen Wiedergabe der Pflanzenwelt dokumentieren, zu Merians ersten Motiven in der Sammlung des Hauses. Es handelt sich um ovale, auf Papier gezeichnete Medaillons, in deren Zentrum sich Objekte tummeln, die wenig miteinander verbindet: Erbsen in Schoten, eine haarige Raupe, ein Marienkäfer. Das Oval symbolisiert den Blick durch das Mikroskop in eine Welt, die ihre Entstehung dadurch keineswegs offenbart. Aber immerhin Hinweise auf Gemeinsamkeiten und Differenzen gibt.

Sterbende Schönheit. „Einzelne Tulpenblätter“, ein Aquarell- und Deckfarbenblatt auf Pergament von Maria Sibylla Merian. Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /
Sterbende Schönheit. „Einzelne Tulpenblätter“, ein Aquarell- und Deckfarbenblatt auf Pergament von Maria Sibylla Merian.Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

Maria Sibylla Merian sah genau hin. Das Ergebnis ist eine künstlerische Sprache, die in der Ausstellung schnell hervorsticht. Mögen die Pflanzenteile, Blütenblätter oder prachtvollen Falter anderer Maler ähnlich detailreich sein, bei Merian gewinnt wie bei Besler die Wahrhaftigkeit. Ihre üppigen Blumensträuße, von denen ebenfalls frühe Beispiele zu sehen sind, weichen bald Pflanzen und kleinen Lebewesen als Solisten.

Ganz gleich, ob die Blüten mager ausfallen oder die Bewohner der Pflanzen einzelne Blätter zerbissen haben, die Künstlerin dokumentiert fotografisch exakt, was die Forscherin sieht. So wird auch klar, weshalb ein ganzer Teil jener Blumenmotive, die Merian früher zugeschrieben wurden, in der Ausstellung andere Namen tragen. Eine geflammte Tulpe wie auf dem Aquarell, das nun vom Nürnberger Maler Johann Bartholomäus Braun oder seinem Umkreis stammen soll, wirkt für Merians unbestechlichen Blick viel zu ideal.

Merian begriff sich als malende Mittlerin

Schon in den Niederlanden war sie auf die exotische Fauna von Surinam gestoßen, eine Sammlung von Schmetterlingen gab den Anstoß zu einer Reise in das südamerikanische Land. 1699 brachen Mutter und die jüngere Tochter auf, zwei Jahre später kehrten die beiden zurück. Ihre Eindrücke fasste Maria Sibylla Merian im Prachtband „Metamorphosis insectorum Surinamensium“ zusammen, der ebenfalls Teil der Ausstellung ist. Es war ein finanzielles Wagnis, das sie zu Nebentätigkeiten wie zur Zeit ihrer Ehe zwang: Farbenhandel und Malunterricht.

Als die forschende Künstlerin 1717 nach einem Schlaganfall in Amsterdam stirbt, gehört sie zu den Nichtwohlhabenden. Fachlich anerkannt, aber ein Fall für das Armengrab. Wo sie bestattet wurde, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Sich selbst hat Maria Sibylla Merian als malende Mittlerin begriffen, die am Reichtum der Natur partizipiert, ohne davon zu profitieren, jedenfalls nicht materiell. Die wenigsten ihrer Blätter sind signiert, was die Zuordnung bis heute kompliziert macht. Dennoch lässt einen jedes einzelne Motiv staunen wie vor hunderten von Jahren.

Kupferstichkabinett, Kulturforum, bis 2. Juli, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr.

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