Marica Bodrožićs Buch "Mein weißer Frieden" : Der Krieg in uns

In "Mein weißer Frieden" begibt sich Marica Bodrožić auf autobiografische Spurensuche und liefert eine kluge, schonungslose politische Analyse der Nachkriegsgesellschaft in den Balkanländern.

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Marica Bodrožić, geboren 1973 in der Nähe von Split.
Trost in Himmelblau: Marica Bodrožić, geboren 1973 in der Nähe von Split.Foto: Peter von Felbert / Verlag

Wie werden wir das, was wir sind?“ Der Charakter sei kein Zufall, schreibt Marica Bodrožić und verweist auf den Ursprung des Wortes aus dem Griechischen: Charakter bedeutet „Einprägung“ – es ist jener Stempel, den die Umgebung uns mitgibt.

Die Autorin selbst trägt gleich zwei Einprägungen. Sie wurde 1973 in Dalmatien in der Nähe von Split geboren. 1983 zog ihre Familie in den Main-Taunus-Kreis. Es war auch ein „Umzug in eine neue Sprache“. Und so ist das Buch „Mein weißer Frieden“ in gewisser Weise auch eine Selbstvergewisserung: über die Anfänge des Schreibens, das offenbar zugleich aus einer Einsamkeits- und Beobachterposition entstanden ist. „Ich sehe mein Leben lang zu, den Fliegen, den Vögeln, dem Gras, den Perseiden, dem Muster und den Nachrichten der Wolken. Allem und allen. Und irgendwann fange ich auch damit an, mir selber zuzusehen.“ Es gilt, Erinnerungen über die Literatur festzuhalten. Denn die Aufgabe der Erinnerung sei das „Gespräch mit dem inneren Selbst“, notiert Bodrožić. Und das ist bei ihr durch verwandtschaftliche Verhältnisse untrennbar mit dem Kriegsgeschehen im ehemaligen Jugoslawien verbunden. Viele Jahrzehnte lang ist die Schriftstellerin immer wieder in die prägende Landschaft ihrer Kindheit zurückgekehrt.

Marica Bodrožić findet eine poetische, einfühlsame Sprache

Für dieses Buch ist sie erneut durch Bosnien und Dalmatien gereist, dabei viele Menschen treffend: „Einbeinige unter mediterranen grünen Palmen, Kriegsversehrte, denen man ein verrutschtes Gehirn nachsagte, Erinnerungstöter, die alles in sich auslöschen mussten, damit sie in den Krieg ziehen konnten. Die unterschiedlichsten Tonarten des Tötens klingen in meiner Reiseluft nach.“

Entstanden ist ein faszinierendes Mischwesen: Die autobiografische Spurensuche wird mit leuchtenden Reiseimpressionen verknüpft. Dafür hat Marica Bodrožić eine poetische, einfühlsame Sprache gefunden. Zugleich zeigt sie ihre harte, kompromisslose Seite und liefert eine schonungslose politische Analyse der Nachkriegsgesellschaft in den Balkanländern. Sie zieht eine bittere Bilanz aus ihren Recherchen und den zahlreichen Gesprächen. Die meisten Menschen in den ehemaligen Kriegsgebieten Jugoslawiens haben ihre eigene Geschichtsinterpretation gefunden: „Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei, zwischen ihr und dem Jetzt klafft ein Abgrund, der sich auch in den Menschen und in ihrer Sprache befindet. Der Raum der Gewalt setzt sich bis heute fort, gerade weil jeder nur auf seiner Wahrheit besteht.“

Schöne Reiseeindrücke zwischen Bildern von Angst und Not

Buchcover.
Buchcover.Foto: promo

Es gibt kaum eine Familie in dieser Region, die nicht von der Trauer um tote Angehörige betroffen ist. Und ehemalige Kriegsteilnehmer leiden oft unter posttraumatischen Störungen. Marica Bodrožić macht die Dinge stets konkret. Sie schildert auch das Schicksal ihres Cousins Filip, dem jüngsten Sohn ihrer Tante Anastazija, der wie alle seine Brüder für die kroatische Sache kämpfen musste. Immer wieder hatte Filip nach dem Ende des Krieges angedroht, Selbstmord zu begehen – niemand hatte es ernst genommen. Eines Tages erhängte er sich im Wald, nur fünf Meter Luftlinie vom Elternhaus entfernt. Der Onkel, Filips Vater, ist unfähig zur Trauer und hat seine ganz eigene Sichtweise: „Der Idiot habe unsere Familie und das Dorf und die ganze Gegend mit seinem Selbstmord blamiert. (…) Er ist es, denkt es in mir, der seinen Sohn mit diesen Sätzen noch einmal tötet. Und wer so kaltblütig in der Sprache morden kann, der hat es, ob mit Worten oder mit Blicken, schon immer gekonnt und schon immer getan.“

In die Bilder der Angst und Not, der Verwüstungen aus Kriegszeiten setzt die Autorin schöne, eindrückliche Reiseeindrücke: Etwa beim Stadtbummel in Split, einer Stadt, die sie schon als Kind sehr geliebt hat. „Das Blau des Himmels“ wird für sie zur Rettung und zum Trost – und bringt alle Siege der Geschichte zum Verschwinden. Wie kann man die Erfahrungen dieser Reise bewältigen, ohne die Hoffnung zu verlieren? „Die Schönheit ist die größte Meisterin, die Barbarei, davon ist hier jeder Bauer überzeugt, kann ihr auf Dauer nichts anhaben“, so ihre Überzeugung.

Bodrožićs schöne Heimat

Die emphatische Zuwendung zur dalmatinischen Landschaft ist aber stets auch zwiespältig: Hier liegen zwar die Wurzeln ihres Seins – mehr aber auch nicht. Ihre Heimat sei die Schönheit, so Bodrožić: „Und keine Nation, keine Religion, kein Papier wird mich je dazu bringen, Heimatgefühle (die ich als Begrenzung empfinde) aufzubringen.“ Aus dieser Haltung ist ein kluges Buch entstanden: eine scharfe Zeitaufnahme von Menschen und Orten im ehemaligen Jugoslawien.

Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 336 Seiten, 19,99 Euro.

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