Marie NDiayes Roman "Ladivine" : In der Haut des Hundes

Sie ist die Meisterin des psychischen Korsetts: Marie NDiaye. In ihrem neuen Roman "Ladivine" präsentiert sie drei Frauen und ein Familiendrama.

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Eine Französin in Berlin. Marie NDiaye Foto: AFP
Eine Französin in Berlin. Marie NDiayeFoto: AFP

„Mein Kind sieht mich an und sagt/ich weiß nichts von dir wer bist du/es sieht mich an dann wenden seine Augen sich ab/denn es ist noch jung genug um fragen zu wagen“. So beginnt das 2011 erschienene Langgedicht „Unablässig daran denken“ der französischen Schriftstellerin Marie NDiaye. Es handelt von ihrem Domizil im Berliner Westen, vor dem ein Stolperstein an die Familie Wellenstein erinnert. Sie wurde 1943 vom Bahnhof Grunewald in den Osten deportiert.

Zwei Motive dieses Gedichts kehren in „Ladivine“, dem neuen Roman der aus „Sarkozy-Frankreich“ exilierten Autorin, wieder: die sich von den Erwachsenen abwendenden Kinderaugen und das Charlottenburger Berlin, das, wie NDiaye versprochen hatte, einmal in einem ihrer Bücher vorkommen würde. In „Ladivine“ ist es die hellhäutige Malinka, die sich von ihrer Mutter abwendet: Denn Ladivine Sylla ist eine Schwarze, die sich ehrbar, aber armselig als Hausangestellte verdingt, als „Dienerin“, wie sie von ihrer Tochter genannt wird, eine „dunkle Blume ohne Lebensberechtigung“. Malinka begegnet ihrer Mutter mit einer „diamantenen Härte“, gegen die auch deren „krankhafter Stolz“ nicht schützt.

Psychologisches Familiendrama

Die Scham und Angst, die Malinka empfindet, und die Schuldgefühle, ihre Mutter zu verleugnen, indem sie den urfranzösischen Namen Clarisse annimmt, Richard Rivière heiratet und fortan eine Doppelexistenz führt, strukturieren die Romanstudie, die wie schon „Rosie Carpe“ oder „Drei Frauen“ ein psychologisches Familiendrama entwirft. Sie handelt von der Ausweglosigkeit einer von Bitternis grundierten, „ungenutzten, unverhältnismäßigen und doch ergebenen, stummen, untadeligen Liebe“, für Malinka eine „herbe, unmöglich herunterzubringende Speise“. Doch mit ihrer Flucht in die Ehe, aus der eine Tochter hervorgeht, die ebenfalls Ladivine heißt, gelingt es Clarisse nicht, ihren Ballast abzuschütteln. Die verzweifelte Liebe zu Richard und dem Kind erstarrt in Kälte, die aus Clarisses/Malinkas Selbstentfremdung resultiert. Der Wille zu einem gelingenden Leben wird konterkariert durch beständige Selbstverleugnung, eine „dünne Eiswand“ zwischen ihr und der Umgebung.

Marie NDiaye ist eine Meisterin darin, das psychische Korsett, in dem die drei Frauen stecken – Tochter Ladivine wird diese Bürde später in Berlin weitertragen – in Metaphern der Reinheit und paradoxalen Figuren zu fassen. Sich selbst, heißt es etwa von Clarisse, sah sie „als ein gesprungenes Gefäß, aus dem sich die Essenz des fröhlichen Verzichts, der eifrigen, beinahe gierigen Selbstaufopferung ergoss.“ Der Opfer-Schuld-Komplex wird in fast unentwirrbarer Außenperspektive und Introspektion hin- und hergewendet, doch keine Ablasshandlung entfacht das „reinigende Feuer“ und entlässt die Figuren aus ihren zwiespältigen Verpflichtungen.

Das Selbstopfer wird bei Clarisse eine gewalttätige Form annehmen. Ladivine, auf der Flucht vor ihrer gescheiterten, von Richard mittlerweile verlassenen Herkunftsfamilie, glaubt, es mit Marko und den beiden Kindern in Berlin besser zu machen. Bis ihre Mutter stirbt und eine Reise nach Afrika, ihrerseits Flucht vor Markos Familie, eine Zäsur setzt.

Einquartiert in die Haut des Hundes

Figuriert das Charlottenburger Berlin als realistisch gezeichneter Hintergrund einer Mittelschichtsexistenz, mit Karstadt als Markos Arbeitsplatz, wird das im Ungefähren bleibende afrikanische Land zur Projektionsfläche des „Anderen“. Dort taucht plötzlich der braune Hund mit den Augen der Großmutter wieder auf, der schon die kleine Ladivine beschützt hat. Durch ihn fühlt sie sich in Afrika als Auserwählte. Sie hat den Wunsch, sich „in die Haut des Hundes einzuquartieren“ und sich „in ein Randuniversum zu befördern, wo sie endlich das Glück erfahren“ darf.

Die Neigung zum Fantastischen hat NDiaye schon früher demonstriert. Mit Wetterphänomenen wie Nebel und Regen ruft sie das Unheimliche auf, die Verwandlungsmöglichkeit märchenhafter Tiere erlaubt es ihr, die Realität, das „Tatsächliche“, von der dunklen Seite der Vernunft aus wahrzunehmen. Versehrte Familien und prekäre Elternschaft ohne Wertzentrum bilden die zentralen Themen ihres Werks. Auch in „Ladivine“ lotet die erklärte Feministin die Grenzen von Figuren aus, die zwar in Schuldzusammenhänge verstrickt sind, aber ihre Würde nie verlieren – zumindest nicht die Frauen.

Man kann das auf den schwarzen Kontinent transferierte „Nichttatsächliche“ problematisch finden und den Schluss kitschig. Bestechend sind aber die psychologische Genauigkeit und die kristalline Sprache, von Claudia Kalscheuer einmal mehr wunderbar übertragen. Dieser Roman ist übrigens erst der zweite Ausflug, den die 46-Jährige literarisch nach Afrika unternimmt. Sie hat ihrer Hautfarbe nie eine wesentliche Bedeutung beigemessen. Das „wahre Gesicht“, das Richard hinter der hellen Haut seiner Frau Clarisse gesucht hat und das sie ihm verbarg, ist erst zu ahnen, als die Tochter in Gestalt eines Hundes wiederkehrt. Dem „Groll auf den Zauber“, der die drei Frauen gefangen hielt, ist nur durch Magie beizukommen.

Marie NDiaye: Ladivine. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp, Berlin 2014. 22,95 Euro. Die Autorin stellt ihren Roman am heutigen Montag um 20 Uhr im Gespräch mit Ursula Krechel im LCB vor.

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