Marina Keegan: "Das Gegenteil von Einsamkeit" : Die postume Schriftstellerin

Marina Keegan wollte Schriftstellerin werden. Unbedingt. Auf dem Weg zur Geburtstagsfeier ihre Vaters starb sie mit nur 22 Jahren bei einem Unfall. Marina Keegans Eltern haben postum die Geschichten und Essays ihrer Tochter veröffentlicht.

Marie Stumpf
Buchcover zu "Das Gegenteil von Einsamkeit" von Marina Keegan.
Buchcover zu "Das Gegenteil von Einsamkeit" von Marina Keegan.Foto: promo / Verlag

Im Grunde war Marina Keegan ein ganz normales, durchschnittliches und durchschnittlich glückliches Mädchen, das wie so viele ganz normale, durchschnittliche und durchschnittlich glückliche Mädchen seine Gedanken und Gefühle zu Papier brachte. Selbstbewusst und ehrlich schrieb sie über Themen, die sie wie viele junge Erwachsene beschäftigten: Liebe, Lust, Eifersucht, Selbstzweifel, Geborgenheit, Ablehnung, Familie und Zukunft, aber auch über den Krieg und den Wahnsinn.

Als sie 2012 an der Yale-University ihre Abschlussrede hielt, sagte die 22-Jährige: „Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, könnte ich sagen, genau das will ich im Leben.“ Ein paar Tage darauf kam sie bei einem Autounfall ums Leben, auf dem Weg zur Geburtstagsfeier ihres Vaters. Marina Keegan hatte früh das Ziel, dem Schreiben ihr Leben zu widmen: „Ich habe beschlossen, Schriftstellerin zu werden. Und zwar eine richtige. Mit Haut und Haar.“ Sie arbeitete für die „Yale Daily News“ und absolvierte ein Praktikum in der Literaturredaktion des „New Yorker“, mit dessen Titelbildern sie ihr Zimmer auf dem College tapeziert hatte. 2014 veröffentlichen ihre Eltern postum den Band „Das Gegenteil von Einsamkeit“, eine Sammlung von Keegans Geschichten und Essays, die nun schon das Vermächtnis dieser jungen und jung gestorbenen Schriftstellerin sind. Der Band stand monatelang auf der Bestsellerliste der „New York Times“ und ist jetzt ins Deutsche übertragen worden.

Marina Keegan und ein Coming-of-Age der besonderen Art

„Noch nie in meinem Leben war ich mir so abstoßend vorgekommen. Nicht abstoßend – aber leer, geschlagen, als hätte mir jemand einen Schraubenschlüssel in den Bauch gebohrt und umgedreht“, schreibt sie einmal. Keegan hatte einen Hang zu obskuren Vergleichen, zu verwirrenden Formulierungen und Wortverbindungen. Manche ihrer Geschichten beruhen auf reinen Beobachtungen und Introspektionen, bisweilen haben sie den Charakter von Tagebucheinträgen. Und immer zeugen sie von vielfältigen Interessen, von einem Coming-of-Age der besonderen Art. So handeln die Geschichten von einer Reise nach Indien, wo Weiße fotografiert werden wie Popstars, vom Alter, vom Tod, von einer ungewollten Schwangerschaft, von Kindern unglücklich verheirateter Eltern. Einmal philosophiert Keegan über das Gefühl, acht Wochen lang in einem U-Boot eingesperrt zu sein.

Aus dem Grab gesprochen

Marina Keegan besuchte auf dem College einen Kurs für autobiografisches Schreiben, den die Schriftstellerin Anne Fadiman leitete. Fadiman hat auch das Vorwort von „Das Gegenteil von Einsamkeit“ geschrieben und offenbart darin verschiedenste Facetten im Charakter der jungen Studentin: ihr Motto, dass es immer noch besser gehe, ihr Engagement bei der Occupy-Bewegung von Yale, ihre Enttäuschung darüber, nicht in die Geheimgesellschaften von Yale aufgenommen worden zu sein. Und ihren Kampfgeist: Als Keegan im Alter von 14 Jahren an einer Segelregatta teilnimmt, ist sie trotz heftiger Sturmböen wild entschlossen, das Ziel zu erreichen.

Im letzten Text des Buches, in „Song for the Special“, gesteht die junge Autorin: „Ich bin so neidisch. Lachhaft neidisch. Neidisch auf jeden, der vielleicht die Gelegenheit hat, aus dem Grab zu sprechen.“ Traurigerweise hat Marina Keegan diese Chance viel zu schnell bekommen.

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit. Stories und Essays. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 285 Seiten, 18.99 €.

In einer früheren Version des Artikels war von "erdbeerblond" als ein Beispiel für Keegans ungewöhnliche Wortkombinationen die Rede. Da "strawberry blonde" allerdings, wie auch Leser angemerkt haben, im Englischen eine ganz normale Haarfarbe meint, wurde der Artikel entsprechend redigiert.

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