Kultur : Marion Gräfin Dönhoff wird morgen 90 Jahre alt

Hermann Rudolph

Die große politische Journalistin prägte deutsche ZeitungsgeschichteHermann Rudolph

Ein öffentliches Amt hat sie nie bekleidet. Nicht einmal die Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten, für die Willy Brandt sie 1979 gewinnen wollte, konnte Marion Gräfin Dönhoff ernsthaft in die Nähe einer offiziösen Stellung führen. Erstens hatte die sozial-liberale Koalition damals keine Mehrheit mehr, und zweitens hätte sie sich dafür auch nur bereit gefunden, wenn hundertprozentig sicher gewesen wäre, dass sie nicht gewählt würde. Ihren Rang im Leben der Bundesrepublik hat sie als Journalistin begründet - in einem flüchtigen Metier also, in dem man für den Tag, à jour, arbeitet. Sie war auch immer, mit ganzer Überzeugung, der Zeit auf der Spur, ihren Entwicklungen und Wendungen, und es war durchaus ihr Ehrgeiz - und ist es bis heute -, der Zeit auf die Sprünge zu helfen. Und doch ist sie natürlich mehr als eine prominente Journalistin: Sie verkörpert eine Instanz, eine Autorität, eine unvergleichliche Erscheinung.

Dass es eine Frau ist, die da eine große journalistische Karriere gemacht hat, ist gewiss bemerkenswert, es verdeckt den nicht weniger wichtigen Fall, dass hier keine feuilletonistische Edelfeder reüssierte - wie etwa ihre Generationskolleginnen Sabina Lietzmann und Ursula von Kardorff -, sondern eine politische Journalistin. Marion Dönhoff verdankt ihrem Ruf nicht dem Glanz ihrer Sprache, sondern der Entschiedenheit ihrer Positionen, der Nüchternheit ihrer Argumente, dem Freimut ihrer Meinungen. Sie muss auch - folgt man Berichten früherer Kollegen - eine starke Chefin gewesen sein, und jedenfalls war sie es, die der "Zeit" das politische Profil gegeben hat.

Überhaupt verbindet sich mit ihrer Tätigkeit der Aufstieg der Hamburger Wochenzeitung, der sie von Anfang an angehört hat. So prägte sie auch ein bedeutendes Kapitel der deutschen Zeitungsgeschichte, ja, wenn man so will, der Zeitgeschichte. Denn Ende der fünfziger Jahre, als sie das politische Regiment des Blattes übernahm, lag die Auflage noch bei rund 60.000 Exemplaren, auf gleicher Höhe wie andere Wochenzeitungen, "Christ und Welt" oder das "Sonntagsblatt". Zehn Jahre später stürmte die "Zeit" in die Hunderttausender-Zone, ließ die Konkurrenten weit hinter sich und wurde über ein paar Jahrzehnte hinweg zu einer Institution, die das öffentliche und vor allem das politische Bewusstsein der Republik mitbestimmte.

Man kann dieser Journalistin kaum gerecht werden ohne den Blick auf ihr Leben - das am morgigen Mittwoch die Höhe der neunzig Jahre erreicht. Denn was Marion Gräfin Dönhoffs Wirkung ausmacht, resultiert am Ende doch aus einer Biographie, die eine Fülle von Erfahrungen in sich aufgenommen und verarbeitet hat, Schicksalsschläge einbegriffen. Diese große Journalistin ist auch eine große Zeitzeugin. Die erste Hälfte ihres Lebens steht noch im Banne der versunkenen Welt der Aristokratie. Hineingeboren in ein altes Adelsgeschlecht, hat sie deren Ausläufer als Kind noch erlebt - der Vater Mitglied des preußischen Herrenhauses, die Mutter ehemalige Palastdame der Kaiserin. Diese Welt des ländlichen, noch halbfeudalen Ostpreußens, diese Landschaft von Weite und Licht, ist ihr Lebenshintergrund geblieben, ihn hat sie nach eigenem Bekenntnis "immer als eine große Stärkung empfunden".

Dazu tritt die Erfahrung des Berlins der zwanziger Jahre, mehr durch die älteren Geschwister vermittelt als schon selbst erlebt, aber Abitur hat sie in Potsdam gemacht - auf der einen Seite sozusagen Prinz Oskar in Caecilienhof, dem man familienhalber seine Aufwartung machte, auf der anderen die wirbelnde Stadt mit dem Theater Max Reinhardts, mit den Literaten und Politikern der Republik. Und auch das Studium führt dann weit weg von der Herkunftswelt, an die junge, damals sehr progressive Universität Frankfurt. Übrigens studierte sie, zum Schrecken ihrer Angehörigen, Volkswirtschaft. Das freilich erwies sich als vorteilshaft, denn danach hat sie sieben Jahre lang die Familiengüter der Dönhoffs verwaltet.

Dann kommt die große Zäsur: der 20. Juli 1944, der Verlust der Heimat. Man kann sich diesen Einschnitt kaum tief genug vorstellen. Dem Aufstand gegen Hitler, an dessen Vorbereitung sie beteiligt war, fielen die meisten ihrer Freunde zum Opfer; sie hatte danach "das Gefühl übrig geblieben zu sein". Die Flucht aus Ostpreußen warf sie heraus aus allem, was bisher ihr Leben gewesen war. Von dem langen Ritt im Winter 1944/45 von Ostpreußen nach Westfalen, mit dem sie diesen Abschied vollzog, hat sie in ihrem vielleicht schönsten Buch, "Namen, die keiner mehr nennt", erzählt. Keiner, der es gelesen hat, wird die Passage vergessen, in der sie beschreibt, wie sie die Nogat-Brücke, die Grenze Ostpreußens, überquerte - eine Winternacht, drei todkranke, mühsam sich dahinschleppende Soldaten, eine Reiterin, "deren Vorfahren vor 700 Jahren von West nach Ost in die große Wildnis jenseits des Flusses gezogen waren und die nun wieder nach Westen zurücktritt - 700 Jahre Geschichte ausgelöscht".

Erst jenseits dieses Bruches tritt jene Marion Gräfin Dönhoff auf, die wir kennen, und vielleicht ist es die Entschiedenheit, mit der sie ihn angenommen hat, die ihrem zweiten, journalistischen Leben den großen Fond an Gradlinigkeit und Freiheit, an Offenheit gegenüber allem Neuen und Festigkeit im Grundsätzlichen gegeben hat. Niemand hat wie sie das Vermächtnis des Widerstandes und die Erinnerung an den Verlust des Ostens bewahrt und weitergegeben. Aber sie hat es ohne Ressentiment oder gar Bitterkeit getan, nur als Verpflichtung, für eine bessere Zukunft zu wirken. Der Einsatz für die Aussöhnung mit dem Osten, vor allem mit Polen, war die weithin sichtbare, weit wirkende Konsequenz. "Ein Kreuz auf Preußens Grab" hieß der große Artikel, mit dem sie sich inmitten des heftigen Streits um die Ostpolitik hinter den deutsch-polnischen Vertrag von 1970 stellte. Der Schritt ist ihr schwer genug gefallen; sie hat sich auch nicht dazu durchringen können, zur Vertragsunterzeichnung mit nach Warschau zu fahren.

Dem Verhältnis zum Osten gilt ihre eigentliche Leidenschaft - und die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten bedeutet eine große Genugtuung. Das lässt zurücktreten, wie sehr sie sich auch anderen Themen zugewendet hat. Sie selbst konstatiert gelegentlich fast amüsiert, welch engagierte Verfechterin der Westbindung sie in ihren früheren Jahren gewesen ist. Sie gehört durchaus zu jener Nachkriegsgeneration, für die Amerika das Erlebnis der offenen Gesellschaft war und die daraus Maßstäbe für das Urteil über die eigene Gesellschaft bezogen hat. Deren Wandlung in Richtung auf mehr Liberalität, Toleranz und Demokratie-Bewusstsein fandin ihr immer eine Befürworterin.

Freilich wird kaum eine politische Richtung Marion Dönhoff vereinnahmen können. Sie ist wahrhaftig ein liberales Temperament, aber in Bezug auf die Grundlagen von Staat und Gesellschaft fühlt sie eher konservativ. Es ist allemal das Ganze, das Gemeinwohl, die Verantwortung, auf dessen Seite sie am Ende steht. Vermutlich ist dies das preußische Erbe, das in ihr steckt - und wenn sie jetzt, in ihren späten Jahren, mit dem Kapitalismus heftig ins Gericht geht, mit Materialismus und Ökonomismus, so sind es keine linken Sympathien, die aus ihr sprechen, sondern die alten Maßstäbe von Treu und Redlichkeit. Denn die gängigen Etiketten, rechts und links, Fortschrittlichkeit und Konservatismus, prallen an dieser Persönlichkeit ab, die in Wahrheit eine großen Unzeitgemäße ist. Sie wisse, hat Theo Sommer geschrieben, ihr Nachfolger in der Chefredaktion der "Zeit" und nunmehriger Herausgeber-Kollege, dass der "menschliche Anstand wichtiger ist als die Reinheit irgendeiner Lehre". Aus dieser Haltung beziehen ihre Argumente die Überzeugungskraft. Es macht ihre Faszination aus, dass sie sie als Person verkörpert und in ihrem Wirken vorgelebt hat.

Das Kolloquium, mit dem sie, heute geehrt wird, trägt übrigens den Titel: "Namen, die man wieder nennt". Es findet in Frankfurt an der Oder statt, an der deutsch-polnischen Grenze - und ganz in ihrem Sinne wird von "Deutschlands altem Osten" die Rede sein, der zum "Baustein" für das "neue Europa" werden soll.

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