Mariss Jansons dirigiert die Philharmoniker : Nie wieder Pamphlet

Die Berliner Philharmoniker spielen unter Leitung von Mariss Jansons Werke von Berlioz, Dutilleux und Schostakowitsch in der Philharmonie.

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Milde Macht. Hier dirigiert Mariss Jansons.
Milde Macht. Hier dirigiert Mariss Jansons.Foto: Bayrischer Rundfunk

Konzerte mit Mariss Jansons weisen immer über den Klassikbetrieb hinaus. Dieser Dirigent ist so sehr in tätiger Leidenschaft mit den Werken auf dem Pult verbunden, dass seine Interpretationen stets eine Summe ziehen.

Besonders tiefgehend ist das bei den Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch. Jansons wuchs mit seinem musikalischen Empfinden auf sie zu und in sie hinein. Sein Vater leitete neben Jewgenij Mrawinsky die Leningrader Philharmoniker, die viele Uraufführungen von Schostakowitschs Werken einstudierten. Die 10. Symphonie, die Karajan nach Berlin holte und später auch mit den Berliner Philharmonikern in Moskau aufführte, spielte dabei eine besondere Rolle.

Das nach Stalins Tod 1953 uraufgeführte Werk wird immer wieder darauf abgeklopft, ob es eine Abrechnung mit dem Sowjet-Führer enthält. Jansons räumt mit derlei Ansinnen souverän auf und hebt die Zehnte endgültig in den Rang eines Klassikers. Dass sie dabei in der Philharmonie auch sanftere Konturen erhält, ist kein Verlust – wenn sie so gespielt werden. Welche Hingabe liegt im Streicherauftakt zum weitgespannten ersten Satz! Nach dieser Großtat der Differenzierung ist man hinter allen Klangpamphleten angekommen. Und gelangt auch nicht wieder zurück. Den zweiten Satz mag man erbarmungsloser spielen können, doch warum? Auch ohne vorangegangenen Genickbruch im Maschinenraum der Geschichte blühen die Soli im dritten Satz wundersam auf, in denen die Philharmoniker das Individuum und seine milde Macht unwiderstehlich feiern.

Ferner bleibt Jansons das Toben des venezianischen Karnevals, Triebfeder für Hector Berlioz’ Konzertouvertüre „Le Carneval romain“, die den Abend eröffnet. Den Taumel organisiert er meisterlich beiseite, um ihm möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Tastend auch die Begegnung mit Truls Mørk im Cellokonzert „Tout un monde lointain ...“ von Henri Dutilleux. Zwei Ausdrucksmusiker, die ihr Temperament auf dem Podium spürbar zügeln. In diesem Moment fragt man sich schon: Warum?
Noch einmal am Samstag, 5.3., 19 Uhr, Restkarten erhältlich.

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