Mariss Jansons und die Berliner Philharmoniker : Schnell ist nicht schwer

Dirigent Mariss Jansons zeigt seinen Sinn fürs Kakophone: Zusammen mit den Philharmonikern und dem Soloklarinettist Andreas Ottensamer führt er Sibelius, Carl Maria von Weber und Béla Bartók auf.

Furchtlos. Dirigent Mariss Jansons.
Furchtlos. Dirigent Mariss Jansons.Foto: Bayrischer Rundfunk

Ein Abend ganz allein für die Klarinette, im und vor dem Orchester: Im Innern der Berliner Philharmoniker sitzt Wenzel Fuchs und spielt das Klarinettensolo zu Anfang der ersten Symphonie von Sibelius, in jenem Andante ma non troppo mit Allegro, das seine Höhepunkte mit solcher Kraft, solchem Ächzen hervorbringt, dass es fast anstrengend ist, dieser Musik zu folgen. Das Andante danach? Eine Zumutung, eine Nicht-Verbeugung vor der Tradition langsamer Symphoniesätze. Das Scherzo ein Unkrautfeld mit brutalen Pizzicato-Passagen. Und unter dem ökonomischen, geradezu tiefstapelnden Dirigat von Mariss Jansons entfaltet auch das Finale große Wirkung, setzt die stumpfe Timbrierung des Vorherigen fort, wird ein Ende wie eine Drohung setzen, fügt davor rasch noch ein so trockenes und sägespäniges Fugato an, dass man an den alten Witz denken muss: Schatz, wie schmeckt der Kuchen? Super, man muss nur den Mund zuhalten, weil es sonst so staubt.

Nach all dem nun tritt der andere philharmonische Soloklarinettist auf, Andreas Ottensamer, in schwarzem T-Shirt, nachtblauem Smoking und mit den typischen Reverenzgesten gegenüber dem eigenen Ensemble, wie sie einem plötzlich an die Rampe Katapultierten wohlanstehen – um die Solopartie in Carl Maria von Webers erstem Klarinettenkonzert von 1811 zu spielen. Was soll man dazu sagen? Schön spielt gut. Und: Schnell wird oft mit schwierig verwechselt. Denn Andreas Ottensamer spielt die brillanten Läufe in den beiden Außensätzen so ultraschnell (wie überaus schwierig muss das sein!), dass erstens bei ihm selbst Schmierage droht und zweitens Klappern im Zusammenspiel mit dem Orchester.

Der Höhepunkt des Abends ist Béla Bartóks Konzertsuite „Der wunderbare Mandarin“

Unterdessen fordert diese Rasanz noch den zusätzlichen Preis, dass das Instrument weniger nach Klarinette, viel eher nach flageolettierender Geige auf Speed klingt. Kurz, ein wenig Ruhe und Bei-sich-Sein hätten dem Stück gutgetan, nicht allein dort, wo Ottensamer seine legendär ätherischen, wie aus fernen Welten einfliegenden Töne spielt.

Den Höhepunkt des Abends macht in diesem Sinne die schräg-schrullige, unerreicht sonderbare Musik von Béla Bartóks Konzertsuite „Der wunderbare Mandarin“ aus. Und abermals spielt Fuchs, uns an die lockende Volltönigkeit der Klarinette erinnernd. Und noch einmal zeigt Jansons seine Furchtlosigkeit, seine Macht, krasse Pizzicati auszulösen, seinen Sinn fürs gerade noch gepflegt Kakophone.

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