Kultur : Mark Knopfler

Diese Woche auf Platz 56 mit: „All The Roadrunning“

Ralph Geisenhanslüke

Nichts lieben Journalisten so sehr wie über Ihresgleichen herzuziehen. Neil Tennant von den Pet Shop Boys wurde ausgelacht, als er Anfang der achtziger Jahre seinen Job bei der Teenie-Postille „Smash Hits“ kündigte, um „Lots Of Money“ zu machen. Ebenso Paul Morley, der beim „New Musical Express“ seinen Schreibtisch räumte, um sich mit dem Produzenten Trevor Horn zusammenzutun. Statt zermürbender Blattkritiken entwarf er nun Frankie Goes To Hollywood. Mark Knopflers erstes Berufsleben bei der „Yorkshire Evening Post“ in Leeds verlief nicht ganz so glamourös. Aber der studierte Journalist hat mächtig aufgeholt, was ihm einige frühere Kollegen wohl neiden. Ähnlich wie Phil Collins wird Knopfler gern geschmäht: ein eher emsiger als inspirierter Arbeiter sei er.

Sein Gitarrensound, sein Fingerpicking auf der Stratocaster war einmal für Legionen von Jungs der Grund, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Dann folgten statt Fortsetzungen des Erfolgsalbums „Sultans Of Swing“ viele breiige Platten, Auftragsarbeiten, konturlose Filmmusiken. Alles lange her. In dire straits (= finanziell in der Klemme) ist Knopfler jedenfalls nicht mehr.

Heute ist er ein „Notting Hillbilly“. Er hat die Roots Music für sich entdeckt – und die Stimme von Emmylou Harris. Auch deren Karriere war ein langer, nicht immer ruhiger Fluss. Der Brite und die Country-Sirene aus Alabama haben ein sonderbar konventionelles, zugleich überraschendes Album eingespielt. Man hört sich zu, meist in abwechselnd gesungenen Strophen, bevor man im Refrain zusammenkommt. Frage und Antwort, wie es sich unter Erwachsenen gehört. Beide gehen auf die 60 zu, beide haben Erfahrungen aus drei Ehen, er hat Ansätze von Hamsterbacken, sie sieht aus wie eine Figur aus dem Denver-Clan. Die Stücke haben einen selbstverständlichen, organischen Duktus. Reifere Menschen, die vom Highway des Lebens erzählen. Das ist spannender als manche Redaktionskonferenz.

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