Mark Twain-Klassiker : Mississippi in Brandenburg

Rundweg gelungen: „Tom Sawyer“ – unter anderem mit Richter Lohmeyer und Tante Makatsch.

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Bloß raus hier. Nachdem sie dem bösen Indianer Joe begegnet sind, fliehen Tom (Louis Hofmann) und Becky (Magali Greif) aus der Höhle. Foto: Majestic
Bloß raus hier. Nachdem sie dem bösen Indianer Joe begegnet sind, fliehen Tom (Louis Hofmann) und Becky (Magali Greif) aus der...Foto: Majestic

Mut beginnt damit, „ich“ zu sagen. Der Prozess ist schon fast beendet, der Sargtischler und schwere Alkoholiker Muff Potter so gut wie zum Tode verurteilt, da fragt der Richter: „Hat jemand noch etwas zu sagen?“ Tom Sawyer steht auf und antwortet: „Sir, ich“. Alle Blicke richten sich auf den Jungen, der nun stockend erzählt, was tatsächlich passiert ist auf dem Friedhof in der Nacht, als Huckleberry Finn ihm dort mit einer toten Katze eine Warze wegzaubern wollte.

Im Gebüsch versteckt haben sie gesehen, wie Indianer Joe mit Muff Potters Messer Doc Robinson, den Arzt der kleinen Stadt am Mississippi, erstach. Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal, gefolgt von einem berstenden Geräusch. Joe, der als Zeuge ausgesagt hatte, ist durch ein Fenster gesprungen, um zu fliehen. Muff Potter wird freigesprochen, aber nun braucht Tom Polizeischutz. Hatte der Mörder doch gedroht: „Ein Wort – und der schlimmste deiner Träume wird wahr.“

„Tom Sawyer“, die erste deutsche Kinoverfilmung von Mark Twains Klassiker, ist ab sechs Jahren freigegeben, aber an einigen Stellen doch so gruselig, dass sich viele Sechsjährige die Augen zuhalten werden. Regisseurin Hermine Huntgeburth und Drehbuchautor Sascha Arango halten sich eng an die Vorlage, nur an einigen Stellen wurde der Stoff sanft modernisiert. So ist Indianer Joe, den Benno Fürmann furchterregend mit Irokesenzopf, aufgeklebter Hakennase und rot geschminktem Gesicht verkörpert, nicht mehr jener stereotype „Teufel von Indianer“ wie bei Twain. Kleine Episoden zeigen seine Diskriminierung, etwa wenn er an einer Jahrmarktbude abgewiesen wird: „Das ist nur für Weiße.“ Man hat Angst vor ihm – und empfindet gleichzeitig Mitleid.

Tante Polly wiederum, bei der das Waisenkind Tom Sawyer aufwächst, ist keine altjüngferliche Seniorin mehr, sondern, in Gestalt von Heike Makatsch, eine resolute Frau, die ganz wie eine alleinerziehende Mutter von heute wirkt. Sie verströmt den hemdsärmeligen Charme einer Farmerin und hat in jeder Krise das passende Sprichwort parat. Als sie Tom, der den Zaun vor dem Haus streichen soll und dafür lieber andere Kinder engagiert, beim Flunkern erwischt, fährt sie ihn an: „Eine Lüge kommt immer zurück.“ Tom entgegnet resigniert: „Und warum immer zu mir?“

Dass „Tom Sawyer“ ein Kinderfilm geworden ist, der auch Erwachsene nicht enttäuschen wird, liegt nicht nur an den pointierten, Twains salopper Sprache nachempfundenen Dialogen, sondern auch an der erkennbaren Spiellust der Akteure. Joachim Król gibt den Muff Potter als rotnasige, ewig schwankende Gestalt, Peter Lohmeyer verleiht seinem Richter Thatcher die hochnäsige Attitüde eines hanseatischen Advokaten. Und Louis Hofmann als Tom und Leon Seidel als Huck sind in ihrer Mischung aus kindlichem Staunen und jugendlichem Draufgängertum Idealbesetzungen.

Gedreht wurde das Mississippi-Abenteuer an Brandenburger Gewässern und in Rumänien, wo der Set für Anthony Minghellas Western „Unterwegs nach Cold Mountain“ (Berlinale-Eröffnungsfilm 2004) noch immer steht. An der Fortsetzung „Huckleberry Finn“ wird bereits gearbeitet. „Barfußgehn“ übrigens, der Song zum Film, tönt so: „Zieh die Schuhe aus, laufe querfeldein ... keiner hält dich auf, denn die Welt ist dein, in alle Pfützen auf’m Weg, springe mitten rein.“ Eine schöne Aufforderung zum Übermut.

Läuft in 20 Berliner Kinos.

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