Kultur : Markt für Millionen

Eine

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von Nicola Kuhn

Der Kunstbetrieb liebt seine Rituale: zum Beispiel den Moment, wenn der Zeiger der großen Uhr über dem Messeportal der Art Basel auf 11 Uhr rückt und sich die Pforten zum Schlaraffia der Bilder öffnen. Oder das Gedränge in Harry’s Bar während der Eröffnungstage der Biennale di Venezia. Oder das Erscheinen des „Capital“Kunstkompasses Ende Oktober, der seit 35 Jahren die Top Hundred der Künstler aufführt. Das Ranking ist ebenso geliebt wie gehasst, obwohl sich die Positionen im Spitzenbereich kaum ändern: Gerhard Richter und Sigmar Polke halten unverdrossen die ersten beiden Plätze, mal steht der eine vorn, mal der andere. Leicht abgeschlagen folgt auf Platz sieben der dritte große deutsche Maler Georg Baselitz. Dazwischen finden sich wie im Vorjahr Bruce Nauman und eine starke Künstlerinnenriege mit Rosemarie Trockel, Louise Bourgeois und Cindy Sherman. Auch wenn der von „Capital“ errechnete Quotient aus Ausstellungsteilnahmen und Kritikerresonanz als fragwürdig gilt, will die Kunstgemeinde jedes Mal wissen, wer vorne liegt. Denn das Kölner Wirtschaftsmagazin möchte mit der Bestenliste Anlagetipps für Kunstkäufer geben. Paradoxerweise spielen Markt- und Verkaufserfolge bei der Bewertung trotzdem keine Rolle.

Wirklich nicht? Ausstellungsbetrieb und Kunsthandel reagieren seismografisch aufeinander. Malerei made in Germany ist gefragt wie nie zuvor. Schon warnen Experten vor einer Überhitzung des Marktes wie vor 15 Jahren; Symptome dafür sind die aberwitzig hohen Auktionsergebnisse der letzten Zeit: Christie’s hat allein im ersten Halbjahr 2005 mit Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst 298 Millionen Dollar umgesetzt, über ein Drittel mehr als im Vergleichszeitraum. Der Grund für diesen Kaufrausch: Der Kunstmarkt profitierte von den Ausschüttungen aus den amerikanischen Hedgefonds Ende 2004 in Höhe von 15 Milliarden Dollar. Das erhöhte die Nachfrage nach so genannter Flachware, vor allem nach gegenständlicher Malerei. Und die liefert die New Leipzig School am laufenden Meter, allen voran Neo Rauch, der seit diesem Semester selbst an der berühmten Hochschule für Buch und Grafik lehrt. Ihn katapultierte es von Position 89 auf den 62. Platz der Kunst-Weltrangliste.

Der Künstler malt mittlerweile auf Warteliste. Der Kunstbetrieb registriert diesen Kitzel mit Wonne. Warten gehört schließlich auch zum Ritual.

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