Kultur : Markus Werner begleitet einen Schweizer auf den Spuren seines Ururgroßvaters

Eva Leipprand

Wer Bluntschli heißt, muss ein Schweizer sein, und leicht lässt sich ein Grabstein als schweizerisch identifizieren, wenn er die Inschrift trägt: SEIN LEBEN WAR ARBEIT. Zahlreich sind die Spitzen gegen die Schweiz in Markus Werners neuem Roman. Sein Erzähler fühlt tiefe Sympathie mit einem, der diesem Land und seinem "nationalen Triebschicksal" den Rücken kehrt, um unter Pyramiden ein neues, ägyptisches Leben zu beginnen. Die Rede ist von Heinrich Bluntschli, des Erzählers Ururgroßvater, der 1850 Frau und Kind verließ und sich im Dienst des Vizekönigs Ismail Pascha eine neue Existenz aufbaute: Er wurde Direktor der dortigen Salzwerke, gründete eine zweite Familie. Der durch die Generationen weitergegebene "Sippenroman" hat aus ihm einen großen Mann gemacht, der "maßgeblich" am Bau des Suezkanals beteiligt war.

Im Wunsch, der Familienlegende auf den Grund zu kommen, reist der Erzähler bis nach Suez und nach Alexandrien. Am Ende seiner Suche bleibt das ernüchternde Bild eines gewinnenden, aber windigen, leicht hinkenden und immer wieder vom Bankrott heimgesuchten Mannes, der unbedingt Erster Klasse leben wollte. Das Hochstapeln kostete den "Vertuschungskünstler" die Achtung seiner Frau Elise. Für die Flucht nach Ägypten unterschlug er Gelder von Geschäftspartnern, sogar das Sparbuch des Söhnchens. Das "Weibergut" der Frau hatte er schon durchgebracht. Jahre später, nachdem er in Ägypten längst ihre blonden Zöpfe durch die Glutaugen der schönen Catherine ersetzt hatte, reichte Elise "wegen böswilliger Verlassung" die Scheidung ein.

Für seine Recherche nutzt der Erzähler die Geschichten der Großmutter, niedergelegt in einem blauen Heft, Elises Kochbuch und ein paar Briefe, dazu ein Bild des Vorvaters, das sich noch im Besitz der Familie befindet. Außerdem hat Heinrich, vor allem durch das Konkursverfahren, in den Archiven der Schweizer Bürokratie Spuren hinterlassen. Da diese Dokumente spärlich sind und widersprüchlich, ist die wichtigste Quelle der Erkenntnis das Zwiegespräch mit dem Urahn selbst, den der Nachfahr an unterschiedlichen Orten seiner Lebensgeschichte, als Kind im Pfarrhaus des Vaters, bei der Brautsuche im "hablichen" Richterswil, als Greis im Park von Alexandrien, kraft seiner Einfühlung beobachtet und ausfragt. Nicht immer ist der Ahn gewillt zu erscheinen. Der Schweizer Heinrich zeigt deutlichere Konturen als der ägyptische Schatten. So ist das neugewonnene Ahnenbild kein historisch abgesichertes, aber eines, mit dem der Nachkomme leben kann und wird.

Ahnenforschung ist immer auch eine Suche nach dem eigenen Ursprung. Markus Werner hat hier ein originelles Beispiel dafür gegeben, wie man den Zufällen der eigenen Entstehung nachspüren und Verwandtschaft finden kann. Von der Person des Erzählers erfahren wir wenig (außer dass er Schriftsteller ist und sich gelegentlich mit seiner Freundin streitet), wir ahnen aber seine Verwandtschaft mit dem ägyptischen Heinrich, während er ihn, geschickt zwischen Orten und Zeiten springend, aus der Familienlegende herausschält: "Er hat getan, was er nicht lassen konnte, und auf die Meinung der Mitwelt gepfiffen", stellt der Nachfahr fest. Die Bindungsangst des Ahnen kennt er gut; auch er wird zwischendurch vom Wunsch nach Auswanderung übermannt. In einem trostlosen Hotel in Alexandrien empfindet er Heinrichs "Seelenfinsternis" bei seiner Ankunft damals nach! "Wie überlebt man entwurzelt?" Der Vorvater tröstet ihn: er habe sich gefühlt wie neugeboren, "und zugleich fühlte ich mich selber und zum ersten Mal seit langem ganz." Er gibt dem Nachkommen aber auch das dubiose Charaktererbe als Lebenslast: "Mein Buckel ist dein Buckel." Biographische Einbrüche, Lebenswenden sind schon immer Markus Werners Thema gewesen ("Froschnacht", "Bis bald", "Festland"). Das Leben seiner Figuren ist stets schwierig und auch nach der Wende nicht golden, aber doch anders und schon deshalb freier. In der Geschichte vom ägyptischen Heinrich ist der Wunsch nach Befreiung generationenübergreifend. Weg von den Erwartungen des Vaters, der Frau, der Gesellschaft, weg von der Schweiz.

Markus Werners souveräne Erzählkunst hält die Zeitebenen der vier Generationen zusammen. In bildkräftigen Miniaturen blättert er Familiengeschichte auf. Die dem 19. Jahrhundert nachempfundene Dichte der Sprache wird durch eine fast ubiquitäre Ironie leicht aus den Angeln gehoben und fürs Heute tauglich. Die Figuren bleiben immer ernst zu nehmen, auch wenn der Text, den Kontrast des Heute zum Damals zeitkritisch pointierend, den Rand der Satire streift. Insgesamt ist Werners Sprache nach dem jambischen Furor der "Froschnacht" (1985) nahezu klassisch geworden. Aber immer noch gilt, was er dort über den Humor sagte: "Humor ist warm und dunkelgrün und blüht beherzt und rätselhaft inmitten des Vergeblichen."Markus Werner: Der ägyptische Heinrich. Roman. Residenz Verlag, Salzburg 1999. 208 Seiten, 38 DM.

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